19.12.2019

Briefe



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ID: 9924 Brieftext


Geschrieben am: Mittwoch 29.09.1869
 

Baden d. 29ten Oct. 1869.
Lieber, verehrter Freund,
vielen Dank für Ihren so freundlichen Brief und die gütige schnelle Erledigung der Militairangelegenheit. Ich sehe mich nun leider genöthigt Sie noch in anderer Weise betreffs des Ludwigs zu belästigen. Er erklärt mir nämlich schon seit einigen Wochen, er könne dort, bei dem Arzt nicht länger bleiben, es sei ihm zu schrecklich in einer Irrenanstalt zu sein. Eine Solche ist es nun zwar nicht ausschließlich, allerdings sind aber einige Geisteskranke dort. Ich muß riskiren, daß Ludwig, willfahre ich ihm nicht, ihn wieder jetzt nach Dresden zu lassen, heimlich dort fortgehte [sic] – Er spricht auch immer davon, daß er gern seine Studien in Dresden, wo er einen guten Lehrer hatte, fortsetzen möchte. – So allein, in einem Chambre garnie wie bisher möchte ich ihn aber nicht wieder haben und läge mir gar zu viel daran, daß er in eine nette Familie käme, wo er zwar nicht beaufsichtigt (denn das läßt er sich nicht mehr gefallen) aber doch in gebildeter Umgebung und in einem Familienkreise ist. – Ich hatte bereits deshalb meiner Mutter geschrieben, die mir einmal von einem Arzt gesagt hatte, der junge Leute bei sich aufnähme, sie antwortete mir heute aber so ablehnend, (die Meinigen waren nämlich erzürnt, daß ich ihn nach Haus genommen u. zu dem Arzt geschickt, wollen durchaus nicht zugeben, daß dies nöthig gewesen wäre, während Jeder, der ihn hier sah mir auf das Dringendste dazu rieth) – daß ich mich nicht weiter an sie wenden kann.
Sollten Sie, verehrtester Freund mir nicht in dieser Sache helfen können? Das Befinden Ludwigs scheint mir nach seinen letzten Briefen in Bezug auf seine Nerven wirklich gebessert zu sein, freilich der übrige geistig unnormale Zustand wird wohl kaum jemals zu aendern sein, u. liegt mir vor allen Dingen daran, daß er wenigstens unter einer sorglichen Umgebung lebe und Clavir studire, nicht um sich damit sein Brod zu erwerben, denn das kann er nicht, aber sich in einer ihn selbst befriedigenden Weise zu beschäftigen.
Sehr interessirt haben uns Ihre Nachrichten über das Dresdener Theater – ich hatte ein wahres Jammergefühl als ich davon hörte; welch ein Glück, daß dem Museum nichts geschah. –
Herzlichen Dank auch für Ihre freundlichen Grüße an Julie, die heute in ihrer neuen Heimath eingerückt sein wird. W
Wir rüsten jetzt stark zur Abreise u. ich habe mich tüchtig an’s Studiren gegeben, daher ich auch dictire, was Sie entschuldigen wollen.
Bis 10ten Oct. sind wir hier, dann Düsseldorf. –
Schönste Grüße an alle Ihre Lieben, auch von Marie,und Ihnen, verehrtester Freund, das Herzlichste mit Dank für Alles von Ihrer Clara Schumann.

  Absender: Schumann, Clara, geb Wieck, Clara (3179)
  Absendeort: Baden-Baden
  Empfänger: Hübner, Julius (747)
  Empfangsort:
  Schumann-Briefedition: Serie: II / Band: 6
Briefwechsel Robert und Clara Schumanns mit Eduard Bendemann, Julius Hübner, Johann Peter Lyser und anderen Dresdner Künstlern / Editionsleitung: Thomas Synofzik, Michael Heinemann / Herausgeber: Renate Brunner, Michael Heinemann, Irmgard Knechtges-Obrecht, Klaus Martin Kopitz und Annegret Rosenmüller / Köln: Verlag Dohr / Erschienen: 2014
ISBN: 978-3-86846-017-9
580ff.
 



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