19.12.2019

Briefe



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ID: 9972 Brieftext


Geschrieben am: Freitag 29.04.1870
 

London d. 29t April 1870.
Lieber verehrter Freund,
heute komme ich Ihre mir so oft bewiesene Freundschaft in vollem Maße in Anspruch zu nehmen. Helfen sie mir verehrtester Herr Hübner – nur zu Ihnen habe ich das volle Vertrauen zu keinem Menschen sonst in Dresden. Die Sache betrifft meinen Ludwig. Derselbe ist, wie ich eben höre, sehr krank gewesen, und ich sehe mehr und mehr ein, daß, nach allen Versuchen mir nichts mehr übrig bleibt, als ihn in eine Anstalt zu bringen, denn nur da kann er beaufsichtigt werden, wie es für ihn und uns Alle eine Nothwendigkeit ist. Mir blutet das Herz bei dem Gedanken, aber so geht es auch nicht mehr. Seit mehr denn 10 Jahren lebe ich in der fortwährenden Angst und Sorge um ihn, diese steigert von Jahr zu Jahr; Niemand vermag etwas über Ludwig, er thut stets was ihm der Moment eingiebt ect. ect. Ich muß nun aber einen Arzt haben der mir beisteht zu bewerkstelligen, daß er in eine gute Privat-Anstalt kömmt, und nun ruht meine Hoffnung auf Ihnen, indem ich Sie bitte, Herrn Professor Walther in der Sache zu consultiren, und ihn zu bewegen entweder zu Ludwig hinzugehen, oder, wenn Sie es bewirken können, Ludwig mit zu ihm zu nehmen. Wenn Sie die Freundlichkeit haben wollten Ludwig’s Wirthin, die ihn gepflegt hat wie eine Mutter, zu besuchen, so erfahren Sie von Dieser alles Nähere. Sagen Sie ihr, daß ich Sie gebeten zu ihr zu gehen ect. aber besser nichts von meiner Absicht; ist der Arzt meiner Ansicht, so ist es besser der Rath, Ludwig unter Aerztliche specielle Fürsorge zu bringen, geht von ihm aus. Halten Sie irgend einen anderen Arzt für geeigneter, so ist mir Alles recht. Ich gebe mit vollem Vertrauen meine Einwilligung zu Allem, was Dieser für das Beste hält. Die Krisis welche jetzt eingetreten ist, hatte sich Ludwig durch eine große Erkältung zugezogen, da er trotz meines Abredens im April in ein feuchtes unheizbares Zimmer nach Loschwitz zog. Die Keime lagen aber tiefer, und sein Nervensystem ist gänzlich überreitzt; er treibt Musik und Diese, da er gar kein Talent hat mit größter Anspannung aller Seelen- und Geisteskräfte. Niemand kann ihn hindern, nur der Arzt der stündlich um ihn ist.
Ich bitte Sie noch ’mal dringend, thuen Sie die nöthigen Schritte sobald als möglich. Meinem Vater kann ich es in seinem hohen Alter und seinen irrigen Ansichten über Ludwig nicht anvertrauen, es würde ihn auch zu sehr erregen und beunruhigen. Soll irgend etwas geschehen, so theilen Sie es nur der Mutter mit. – Noch Eines: es wäre vielleicht gut könnte der Arzt, den Sie zu einer Consultation wählen, mit den Aerzten, die Ludwig behandelt haben, zuvor sprechen. Der eine war Stifftsarzt Hille und der Andere Dr Neuber.
Meine Adresse ist bis zum 6ten Mai: Brüssel, 13 Rue da la Charité, chez Mr Kufferath vom 6ten Mai an: Düsseldorf bei Frl. Rosalie Leser, 11, Casernenstraße.
Haben Sie Nachsicht mit meiner Schrifft, denken Sie aber mit wie angstvollem Herzen ich schreibe, und halten sie es Diesem zu Gute, wenn ich von Ihnen so großen Freundschaftsdienst erbitte. Ein Jeder aber sagt mir, in diesem Falle könne nur ein Freund für mich handeln, und das fühle ich auch, denn hier darf ja das Herz nicht mit sprechen, es muß geschehen was nöthig ist.
Grüßen Sie die lieben Ihrigen auf das herzlichste von uns Beiden und nehmen Sie im Voraus den innigsten Dank für Alles.
In wahrer herzlicher
Ergebenheit
Ihre
Clara Schumann.

Bitte, händigen Sie diesen inliegenden Brief Frau Henning ein, und sagen ihr, daß sie ihn allein lesen soll; oder schicken Sie ihn ihr durch Post mit ein paar Zeilen. Ludwig ist immer um sie und sehr mißtrauisch.

  Absender: Schumann, Clara, geb Wieck, Clara (3179)
  Absendeort: London
  Empfänger: Hübner, Julius und Pauline (2459)
  Empfangsort:
  Schumann-Briefedition: Serie: II / Band: 6
Briefwechsel Robert und Clara Schumanns mit Eduard Bendemann, Julius Hübner, Johann Peter Lyser und anderen Dresdner Künstlern / Editionsleitung: Thomas Synofzik, Michael Heinemann / Herausgeber: Renate Brunner, Michael Heinemann, Irmgard Knechtges-Obrecht, Klaus Martin Kopitz und Annegret Rosenmüller / Köln: Verlag Dohr / Erschienen: 2014
ISBN: 978-3-86846-017-9
583ff.
 



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