19.12.2019

Briefe



Rückwärts
	
ID: 9975 Brieftext


Geschrieben am: Sonntag 08.05.1870
 

Düsseldorf d. 8 Mai 1870.
Lieber, verehrter Freund,
vielen Dank für Ihren lieben ausführlichen Brief. Es war mir sehr beruhigend zu hören, daß Sie Ludwig selbst gesehen, wenngleich, was ich höre und weiß, nichts ändern kann in meiner großen Sorge um ihn. Ich schrieb Herrn Dr Hille, lege aber, da ich dessen Adresse nicht weiß, den Brief mit der Bitte um gütige Besorgung hier bei. Ich schrieb u. A. Herrn Hille, daß nur ich über Ludwig zu bestimmen habe, wie ich denn überhaupt stets allein für meine Kinder sorgte, natürlich unterstützt von dem Rathe guter Freunde. Daß aber in diesem Falle ich um so mehr selbständig handeln müsse, als mein Vater von Ludwigs Zustand eine ganz irrige Ansicht hat, mit der er ganz vereinzelt dasteht. Er hält alle Eigenheiten, sein ganzes Wesen nur für Ungezogenheiten, und, Ihnen verehrter Freund, darf ich es wohl im Vertrauen sagen, überhäuft mich fortwährend mit Vorwürfen,
weil ich nicht Dies und nicht Jenes gethan, äußert sich in wahrhaft verletzender Weise gegen mich, daß ich anderen Leuten die Zumuthung mache mit dem Jungen fertig zu werden, den ich bei mir behalten sollte ect. ect. Sie sehen, daß ich nach solchen Aussprüchen durchaus keine Einmischung der Meinigen wünschen kann, sondern sie so wenig als möglich in Anspruch nehmen mag.
Bitte sprechen Sie mit Dr Hille über Alles, und sagen ihm, daß ich mit Allem einverstanden bin, was er anordnet. Ich glaube, daß Ludwig, da er Ihren Arzt gern sprechen wollte, und sich selbst schwach fühlt, wohl am Ende selbst eine Beruhigung empfindet in dem Gedanken in steter Umgebung eines Arztes zu sein, denn daß er die Nächte nicht allein bleiben will, ist mir ein Beweis, wie furchtbar erregt sein ganzes Nervensystem sein muß. Ich bitte Sie nochmals, handeln Sie für mich; wie Sie es für den eignen Sohn thuen würden, so bestimmen Sie über Ludwig mit dem Arzte.
Ich werde dieser Tage meinem Vater mittheilen, daß ich Ihnen die Angelegenheit übertragen habe, um ihm die große Sorge und Unruhe nicht aufzubürden, was ja auch theilweise begründet ist, da er zu alt ist und beunruhigt wird.
Ich bleibe jetzt noch hier. Ich werde später Herrn Dr Hänel selbst danken.
Mit herzlichsten Grüßen in [sic] Ihre Lieben und innigstem Danke für Sie Ihre treu ergb Clara Schumann

  Absender: Schumann, Clara, geb Wieck, Clara (3179)
  Absendeort: Düsseldorf
  Empfänger: Hübner, Julius und Pauline (2459)
  Empfangsort:
  Schumann-Briefedition: Serie: II / Band: 6
Briefwechsel Robert und Clara Schumanns mit Eduard Bendemann, Julius Hübner, Johann Peter Lyser und anderen Dresdner Künstlern / Editionsleitung: Thomas Synofzik, Michael Heinemann / Herausgeber: Renate Brunner, Michael Heinemann, Irmgard Knechtges-Obrecht, Klaus Martin Kopitz und Annegret Rosenmüller / Köln: Verlag Dohr / Erschienen: 2014
ISBN: 978-3-86846-017-9
585ff.
 



Wir verwenden Cookies, um Ihnen den bestmöglichen Service zu gewährleisten (Mehr Informationen).
Wenn Sie auf unserer Seite weitersurfen, stimmen Sie bitte der Cookie-Nutzung zu. Ich stimme zu.