19.12.2019

Briefe



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ID: 9979 Brieftext


Geschrieben am: Donnerstag 26.05.1870
 

Düsseldorf d. 26 Mai 1870.
Lieber, verehrter Freund,
gestern erhielt ich Herrn Dr Hille’s Bericht über die Uebersiedlung Ludwigs. So schmerzhaft mir nun auch die Gewißheit des Geschehenen ist, so bin ich doch beruhigter ihn unter der steten Aufsicht des Arztes zu wissen. Gebe der Himmel, daß es zu seinem Heile sey.
Wie sehr dankbar bin ich Ihnen, lieber Freund! Sie waren mir eine wahre Stütze und nur durch den Gedanken daran, wie Sie mir freundschaftlich gesinnt und in diesem Sinne handelten, wurde mir die nöthige Seelenruhe. Sie wissen ja, wie meine Eltern, leider muß ich es sagen, lieber Unbequemes von sich wenden, und somit ich an Diesen keinen Halt habe. Aus Hrn. Dr Hille’s Brief sehe ich, wie falsche Begriffe Diese ihm von mir und meiner Erziehungsweise beigebracht haben müssen! also nicht allein, daß sie nie darnach gefragt, wie und zu was ich meine Kinder erzog, niemals nur den guten Willen zeigten mir eine Sorge abzunehmen, sondern raisonnirt haben sie stets über Alles, Nichts hatte ich recht gemacht, mein Vater schrieb sogar neulich einen Brief an meinen Sohn Ferdinand voller Vorwürfe für mich wegen der völlig verkehrten Erziehung Ludwigs ect. das ist doch schmerzhaft. Ihr lieber Schwager weiß, was für Ludwig geschehen, und hat mir versprochen dies Hrn. Dr Hille mitzutheilen. Gerade Das, was Letzterer in freundlichster und wohlwollendster Weise mir zur Erwägung giebt, war von jeher mein Bestreben, und in diesem seinem Sinne habe [auch] ich alle meine Söhne erziehen lassen, – daß es bei Ludwig nicht glückte, war nicht meine Schuld. Herr Dr Hille kennt Ludwigs Krankheit noch nicht vollkommen, das kann auch nicht sein, weiß er ja doch nicht, was Alles geschehen ist.
Ich muß Sie nun aber noch ferner bemühen, indem ich [Sie] ersuche alle Rechnungen bei Frau Henning, sowie alle Außenstände Ludwigs, Schuster, Leihinstitut von Klems (Frau Henning muß das ja wissen) zu bezahlen, ferner Herrn Dr Hille’s Rechnung für seine Bemühungen [und Auslagen] worum Sie ihn wohl freundlichst bitten. Ich bin so sehr gewöhnt Alles immer gleich zu berichtigen. Zugleich ersuche ich Sie Frau Henning in meinem Namen zu bitten daß sie uns Ludwigs Betten und Bettzeug per [gewöhnlicher] Fracht nach Baden-Baden, Lichtenthal 14 schickt, auch Sonstiges, was von Kleidungsstücken, die Ludwig abgelegt ect. beilegt. Ich schrieb ihr mit Diesem, mochte aber nicht gern etwas davon erwähnen. Dann möchte ich Sie bitten, wenn Sie etwa Frau Henning zur Ordnung dieser Sachen aufsuchen, zu sehen in ihrem Zimmer, ob sie wohl einen bequemen Sessel hat, oder ob ihr sonst etwas fehlt, das Ihnen auffällt? ich möchte der guten Frau gern ein kleines Zeichen meiner Dankbarkeit geben, dann aber auch nichts Unnützes schenken. Die Auslagen für Einpacken und Transport der Betten, wollen Sie gütigst auch Frau Henning wieder erstatten. Zurückgelassene Bücher und Noten ließen sich vielleicht in eine Kiste packen, und irgendwo aufbewahren – Diese soll sie nicht nach Baden schicken. Vielleicht wäre es auch gut ihr auf eine sanfte Weise zu verstehen zu geben, daß sie ihr Zimmer anderweitig vermiethet, denn, wird mit Gottes Hülfe Ludwig aus der Anstalt entlassen, so kann er doch nicht wieder zu dieser Frau, so liebevoll sie ihn auch gepflegt – er muß dann jedenfalls in männliche Umgebung wieder kommen. – Vielen Dank auch für Ihre Correspondenz mit Hrn. Dr Lehmann und die dadurch erzielte Ermäßigung. Ich werde mich nun natürlich mit Diesem selbst in briefliche Verbindung setzen.
Da es Ihnen nicht möglich sein wird, all das Pecuniäre sogleich zu ordnen, so gebe ich Ihnen meine Badener Adresse, Lichtenthal , wohin ich Anfang nächster Woche zurückzukehren denke.
So nehmen Sie, lieber verehrter Freund, meinen innigsten Dank für Alles, und grüßen Sie von Herzen die theueren Ihrigen.
Getreu Ihre Clara Schumann

  Absender: Schumann, Clara, geb Wieck, Clara (3179)
  Absendeort: Düsseldorf
  Empfänger: Hübner, Julius und Pauline (2459)
  Empfangsort:
  Schumann-Briefedition: Serie: II / Band: 6
Briefwechsel Robert und Clara Schumanns mit Eduard Bendemann, Julius Hübner, Johann Peter Lyser und anderen Dresdner Künstlern / Editionsleitung: Thomas Synofzik, Michael Heinemann / Herausgeber: Renate Brunner, Michael Heinemann, Irmgard Knechtges-Obrecht, Klaus Martin Kopitz und Annegret Rosenmüller / Köln: Verlag Dohr / Erschienen: 2014
ISBN: 978-3-86846-017-9
587ff.
 



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