19.12.2019

Briefe



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ID: 9987 Brieftext


Geschrieben am: Donnerstag 09.06.1870
 

D. 9 Juni 1870
Verehrter H. Plaut,
obgleich Herr Mendelssohn, der es übernahm Sie für Ferdinand um einen Urlaub zu bitten, mir mitgetheilt, daß Sie nicht geneigt seyen meinen Wunsch zu erfüllen, so kann ich es doch nicht unterlassen mich nochmals selbst an Sie deshalb zu wenden, und nochmals recht inständigst zu bitten, daß Sie uns Allen die Freude gönnen den Ferd. mit seinem Bruder Felix den Monat July hier zu haben. Versetzen Sie sich, verehrter Herr, in unsere Lage, die wir nun seit 3 1/2 Jahren auf ein ruhiges Zusammenseyn mit Ferd. fast ganz verzichten mußten (wenngleich wir gewiß nicht vergessen haben daß Sie ihm zwei mal einen kurzen Urlaub gestatteten und dies auch dankbar erkannten) – bedenken Sie, daß er kaum oft mehr im Leben mit seiner Mutter zusammen sein wird, erwägen Sie ferner, daß Ferd. mir jetzt, wo mir nach dem aerztlichen Ausspruche mein ältester Sohn so gut wie verloren ist, da seine Krankheit unheilbar, doppelt ein Trost sein muß, und dann, halten Sie selbst nicht viel auf ihn, ist er nicht pflichtgetreu und mehr als das, hilft er nicht stets aus, wo ein Anderer fehlt, und unterzieht er sich nicht oft großen Anstrengungen mit der größten Freudigkeit? können Sie ihm, wenn Sie dies Alles anerkennen und ihm wohlwollen, eine Erfrischung an Leib und Seele versagen? könnte ein eigner Sohn Ihrem Geschäfte mit mehr Hingebung anhängen? würden Sie einem Solchen es abschlagen können? wird Ferd. nachher nicht um so frischer und muthiger arbeiten? Selbst auf die Gefahr hin, Sie zu erzürnen, bitte ich, lassen Sie uns den Ferd. den July oder September, wo es Sie am wenigsten genirt, bei uns haben! ich weiß, meine Bitte ist keine ungehörige, und Ihre liebe Frau, die ich herzlich grüßen lasse, wird gewiß auch für mich sprechen! hätte ich sie doch hier gesehen, und ihr persönlich meinen Wunsch an’s Herz legen können!
Ich gebe mich der Hoffnung hin, bis ich Ihre Antwort habe, der wir Alle in Ungeduld harren, und zeichne mich, verehrter Herr, in der ausgezeichnetesten Hochachtung
Ihre ganz
ergeb.
Clara Schumann.

Brief an Herrn Plaut.

  Absender: Schumann, Clara, geb Wieck, Clara (3179)
Absendeort: Baden-Baden
  Empfänger: Plaut, Moritz (14883)
  Empfangsort: Berlin
  Schumann-Briefedition: Serie: II / Band: 18
Briefwechsel Clara Schumanns mit Korrespondenten in Berlin 1856 bis 1896 / Editionsleitung: Thomas Synofzik, Michael Heinemann / Herausgeber: Klaus Martin Kopitz, Eva Katharina Klein und Thomas Synofzik / Köln: Verlag Dohr / Erschienen: 2015
ISBN: 978-3-86846-055-1
459f.
 



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