19.12.2019

Briefe



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ID: 9988 Brieftext


Geschrieben am: Donnerstag 09.06.1870
 

Baden d. 9. Juni 1870. 14 Lichtenthal
Hochverehrter Freund,
nur einige Worte des Dankes möchte ich meiner Sendung beifügen. Könnte ich Ihnen doch persönlich die Hand drücken für all das Gute und Liebe daß Sie für mich gethan! Ich fand auch Frau Henning’s Rechnung nicht übertrieben, nur hatte ich für den Mai Logie und Kost schon an Ludwig von Berlin aus senden lassen. Nun, das läßt sich eben nicht mehr ändern, Ludwig muß es verbraucht haben. – Es ist mir lieb, daß Sie der Frau Henning gesagt, daß Ludwig nicht mehr zu ihr kommt, denn sie würde immer ihr Zimmer aufbewahren, und hätte dann ja geradezu Schaden.
Ich hatte vom Arzte aus Pirna Brief, der mich aufs tiefste erschüttert hat, denn, hatte ich auch nie die Hoffnung Ludwig zu einem geistig gesunden Menschen genesen zu sehen, so hoffte ich doch immer ihm ein ruhiges, wenn auch vegetirendes, Leben beschieden zu sehen, der Arzt sagt mir nun aber, daß er unheilbar und dazu Rückenmarkskrank sey, und schweren Leiden entgegen gehe. Welch ein grausames Geschick ist das, und wie blutet mein Herz bei diesem Gedanken! Ich bedarf wirklich der größten Seelenkraft, daß mich dieser Kummer nicht übermannt, habe ich doch noch Pflichten für meine anderen Kinder! – Ich habe Dr Lehmann gebeten dem Ferdinand in den nächsten Wochen ’mal einen Besuch zu gestatten – es wird uns Alle etwas beruhigen, wenn doch Jemand von uns Ludwig gesehen. Mir kommt dieser Tage der Gedanke nicht aus dem Sinne, ob Ludwig vielleicht erst dort in Pirna, durch die [fremde] Umgebung und Trennung von Frau Henning, so krank geworden, wie es mir der Arzt beschreibt? z. B. daß er jedem freundlichem Zuspruche unzugänglich sey, gar Nichts thue, von vergifteten Speisen spreche, manchmal gar nichts esse, und so Vielerlei! ach, man erschöpft sich eben förmlich in allerlei Muthmaßungen, und Alles ist doch so furchtbar! –
Verzeihen Sie, lieber, bester Herr Hübner, daß ich Sie nun auch damit wieder quäle.
Grüßen Sie herzlichst Ihre Lieben – Fanny ist wohl schon im Harz? – und glauben Sie mich wie immer und für allezeit
Ihre
treu ergebene
und dankbare
Clara Schumann.

Inliegend laut Rechnung 140 Thaler. Ferdinand soll Ihnen die 13 Rth 6 sgr übergeben, wenn er kommt. Ich schrieb ihm, daß er sich Ihnen vorstellen solle – darf er das?

  Absender: Schumann, Clara, geb Wieck, Clara (3179)
  Absendeort: Baden-Baden
  Empfänger: Hübner, Julius und Pauline (2459)
  Empfangsort:
  Schumann-Briefedition: Serie: II / Band: 6
Briefwechsel Robert und Clara Schumanns mit Eduard Bendemann, Julius Hübner, Johann Peter Lyser und anderen Dresdner Künstlern / Editionsleitung: Thomas Synofzik, Michael Heinemann / Herausgeber: Renate Brunner, Michael Heinemann, Irmgard Knechtges-Obrecht, Klaus Martin Kopitz und Annegret Rosenmüller / Köln: Verlag Dohr / Erschienen: 2014
ISBN: 978-3-86846-017-9
589ff.
 



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