19.12.2019

Briefe



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ID: 12249 Brieftext


Geschrieben am: Dienstag 12.02.1889
 

Frankfurt d. 12. Febr.

Liebstes Lisl!

Wie lange bin ich diesmal in Ihrer Schuld geblieben, aber immer hoffte ich selbst schreiben zu können, verschob es daher immer. Erst mußte ich mich für Berlin schonen, jetzt muß ich es wieder für Leipzig u. hier. Wie schön haben Sie mich, um recht feurige Kohlen auf mein Haupt zu sammeln, überrascht mit den reizenden Liedern und den süßen, kostbaren Früchten! Die Lieder bringe ich meiner Elise erst morgen, wollte sie doch selbst erst kennen lernen, u. diejenigen, die ich für Ihre Kinder am passendsten finde, bezeichnen; in manchen ist wohl der Umfang für Kinder etwas zu groß, die Stimmchen können selten in die Höhe, aber es sind doch auch viele geeignet. Wie reizend haben Sie sie gesetzt, die Mutter der Kinder muß eine recht tüchtige Klavierspielerin sein, nun – das ist ja Elise. Sie haben wohl von Berlin gehört, wie gut es uns dort ergangen ist Es war die ganze Woche dort für mich eine wahre Herzerquickung, denn ich sah endlich einmal wieder die alten Freunde, nur Frau Enole fehlte, u. den armen Herrn Mendelssohn fand ich in recht traurigem Zustande, u. trotzdem doch so reizend wohlwollend u. gütig, wie er immer war.
Meine Schreiberin mußte fort, ich setzte selbst fort, und will Ihnen nun doch erzählen, daß ich, zwar nicht öffentlich, aber privatim mit Joachim Brahms Sonate, gleich zwei mal jeden Satz, gespielt habe – es war bei Levy’s, eine kleine Gesellschaft. Ich brauche Ihnen von meinem Genusse nicht zu sprechen, Sie kennen ja das entzückende Werk. Den 3ten Satz hat B. hier wiederholen müssen. Er geht, wie ich es mir dachte, wie ein lebendiges Allegretto, die Bezeichnung die Br. gemacht ist falsch, er will sie auch ändern. Einige recht schwere Stellen im letzten Satz hat er auch schon geändert. Er war hier in guter Stimmung, d<as>er Quartett-Abend fiel sehr gut aus, leider nur war er eigentlich mit der Ausführung der Zigeunerlieder nicht so zufrieden, wie ich mir eingebildet hatte, daß er es sein würde – das that mir recht leid f. d. Sänger. Sie wissen wohl, daß die Fillu nach England gegangen ist – sie hat mit Beifall mehrmals gesungen, und habe ich jetzt etwas mehr Hoffnung, daß es ihr dort glücken kann sich eine Existenz zu gründen – hier ging es nun einmal nicht – leider war ihre Persönlichkeit eine Haupt-Ursache. Für Eugenie ist es mir sehr leid, daß sie gehen mußte – sie trägt die Trennung so ergeben, daß ich einen Theil ihres Schmerzes mit auf mich genommen habe, d. h. ich fühle für sie, wie wenn es mich selbst beträfe. Wie reizend haben Sie mir den Weihnachtsabend mit Röntjen’s beschrieben! ach ja, Er ist ein lieber Mensch, aber auch Sie hat mir bei sehr kurzer Bekanntschaft schon sehr lieben Eindruck gemacht. Wenn sie nur nicht zu früh nach Holland wieder geht! – Ueber Röntjens Spiel interressirte mich sehr was Sie schrieben – es ist doch nach Ihrer Beschreibung ganz <>so <>wie Brahms spielt, und vielleicht hat er es, unbewußt, von Diesem angenommen. Ich ertrage es schwer, <wenngleich> diesmal aber machte <> B. nicht so viel Rubatos wie früher, spielte seine Sonate theilweise wunderschön, nur konnte ich mich mit dem 3ten Satz nicht so befreunden, den hatte ich mir feiner ausgearbeitet. (Unter uns dies!) Wüßte ich nun nur mehr von Ihnen! wie lange wollen Sie in Italien bleiben? was dann? Gott sei Dank, daß Ihr theuerer Mann wieder so weit ist, wer hätte das zu hoffen gewagt!
Ob <>wir Sie wohl in Italien sehen werden? wir wollen Mitte April nach der Riviera, u. schließlich nach Florenz, im Ganz 5–6 Wochen dazu verwenden. In England habe ich abgeschrieben, da die Aufregungen vor den Concerten meine Nerven zu sehr angreifen.
Ich möchte aber, Sie hätten in Berlin die Aufnahme gesehen – das war erhebend.
Nun Lebewohl, Liebste. lassen Sie nicht zu lange auf Nachrichten warten Ihre
allergetreueste
Clara Schumann.

Hier grüßt Alles.
Am 7ten März soll ich in Leipzig spielen. Am 22ten d. M. spielen wir hier Roberts Var. f. 2 Clav. mit Horn und Celli’s, (Quartett-Abend.) Marie u. Eug. grüßen herzlichst.
An den theueren Mann das Herzlichste!

  Absender: Schumann, Clara, geb Wieck, Clara (3179)
  Absendeort: Frankfurt am Main
  Empfänger: Herzogenberg, Heinrich u. Elisabeth von (2429)
  Empfangsort:
  Schumann-Briefedition: Serie: II / Band: 15
Briefwechsel Robert und Clara Schumanns mit den Familien Voigt, Preußer, Herzogenberg und anderen Korrespondenten in Leipzig / Editionsleitung: Thomas Synofzik, Michael Heinemann / Herausgeber: Annegret Rosenmüller, Ekaterina Smyka / Köln: Verlag Dohr / Erschienen: 2016
ISBN: 978-3-86846-026-1
711-715
 



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