15.07.2019

Briefe



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ID: 18000 Brieftext


Geschrieben am: Dienstag 25.03.1884
 

Df. 25.3.84.
Liebste Freundin!
Lida trägt mir auf Ihnen für Ihren lieben Brief zu danken. Sie ist ziemlich viel in Anspruch genommen u überließ es mir daher, wenn nicht gern so doch willig, anstatt ihrer zu schreiben.
Sodann die Mittheilung, dß wir Ostern hier sind u uns sehr freuen werden, Sie bei uns zu haben. Lida ist, außer ihren gewöhnlichen Beschäftigungen fürs Haus, ihrer Thätigkeit in den Ihnen bekannten Vereinen u. s. w., in dem Hause unseres Schwiegersohns recht nöthig u daher dort oft anwesend. Sie wissen gewiß, dß Frl Brune nach kurzer heftiger Krankheit schnell gestorben ist. Ein rechter Verlust für Otto u die Kinder, aber doch ein Glück, dß die Sache sich nicht lange hingezogen hat. Bis nun ein Ersatz gefunden ist, hat Lida, so zu sagen, einige Oberaufsicht. Eduard ist wieder wohl, wenn auch zart, die 2 andern ganz munter. Hans wohnt bei uns zur Erleichterung des dortigen Hauswesens. Uns ist er ein angenehmer Gesellschafter. Ich bin ein geschlagener Mann; ich kann nicht wieder auf die Beine kommen u mich daher nur schlecht mit denjenigen Dingen beschäftigen, die mir künstlerisch am Herzen liegen. Das klingt nun freilich sehr jammervoll – ist aber doch so schlimm nicht gemeint – nur ein Ausbruch des Ärgers u der Ungeduld. Und wenn ich sehe wie andere Menschen leiden, so bedauere ich sie u muß mir sagen, dß ich immer noch nicht klagen dürfte. (Was ich doch für ein guter edler tiefgefühlter Mensch bin!!!) Aber langweilig ists, wenn man so, wie ich jetzt, in sich herumsuchen muß, um eine anziehende Beschäftigung zu finden! Denn leider habe ich nicht die Gabe wie Sie u auch keine Veranlassung, meine Gedanken od. Erlebnisse mit Tinte auf das Papier zu schleudern. Oder wie Hiller. Diesem geht es jetzt wieder leidlich, aber er klagt doch sehr namentlich über die schlimmen u angstbeklemmten Nächte. Ihrer Triumphe in England freuen wir uns sehr! Mögen Ihre Arme Ihnen keinerlei Hinderniß in den Weg legen, dieselben zu vermehren, und keine Schmerzen verursachen.
Musikalische Genüsse gibt’s viele hier u in der Umgegend. Fr. Joachim, Stockhausen, Brahms erfüllen die augenblickliche, sowie die zukünftige Luft mit Begeisterung. Auch hier soll Gutes zur Ausführung kommen, ob gut ausgeführt? ist eine andere Frage, die ich nicht beantworten kann, namentlich nicht weil Brahms neulich hier gesagt haben soll, hier wolle er nie wieder herkommen.
Somit leben Sie wohl. Grüßen Sie Marie bestens u seien Sie bestens gegrüßt von Lida u mir.
Ihr
EB.

Verzeihen Sie die verkehrt, wenn auch modern, beschriebenen Bogen.

  Absender: Bendemann, Eduard (174)
  Absendeort: Düsseldorf
  Empfänger: Schumann, Clara, geb Wieck, Clara (3179)
  Empfangsort:
  SBE: II.6, S. 312ff.
 



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