25.02.2022

Briefe



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ID: 18834
Geschrieben am: Montag 12.09.1870
 

Berlin – Am 12ten Septbr. 1870.

Liebe, gute Frau Schumann

Welch eine traurige Zeit um zu gratuliren! Eben höre ich die schlimme Nachricht aus Laon, welche Einem so viel Befürchtungen für die Zukunft weckt; ein Feind, der jedes Gefühl für Ehrenhaftigkeit in böser Leidenschaft verlernt hat! Gott gebe nur Kraft dies Otterngezücht unschädlich zu machen. Es ist ganz unerhört in der Kriegsführung, solcher Wortbruch, so tückische Mordlust! Verzeihen Sie – man kann eben nichts anderes denken, als was uns alle gleichmäßig berührt, liebe Freundin! Und doch sollten Ihnen diese Schriftzüge ein Zeichen geben, daß ich im Gedanken zu Ihnen halte an dem Tage, und daß ich die Hoffnung hege, wir werden noch gesegnetere Tage schönen Friedens mit einander erleben. Ihr kleines Enkelchen wird <>, so Gott will, in einer geklärterten [sic] Zeit aufwachsen, und ihm werden auch in Italien die Früchte von Deutschlands Kämpfen zu Gute kommen, daß Großmama sich seiner recht freue. Sie schreiben mir wohl einmal eine Zeile wie’s Julien geht. Von Ferdinand höre ich durch Ihre Mama; schon zweimal hat er geschrieben, und auch Rudorff ist auf der Reise und in Nanzig mit ihm zusammen gewesen. Er war frisch und kampfesmuthig, wie sich’s für den Sohn so edler Eltern gehört. – Heute ist mein Ältester schon 6 Jahre alt! Noch sind die Meinen in Salzburg, wo endlich die Sonne scheint nachdem ich vier Wochen nur Nässe und Kälte erlebt hatte. Meine Frau macht noch recht schöne Ausflüge mit den Kindern und Johannes, der eigentlich die ganze Zeit recht lieb und theilnehmend war. Hätte man ihn nur öfter! Auch der Mensch, nicht nur der große Künstler wird einem sympathischer und sympathischer. In 10 Tagen etwa hoffe ich die Meinigen wieder hier zu haben. Die Schule hat wieder angefangen, und die Orchesterklasse wächst trotz des Krieges erfreulich an. Mein lieber Cellist Hausmann ist leider heute verreist, um die Mutter zu trösten; sein Bruder fiel vor Sedan. – Gott schütze die deutsche Sache, und gebe Muth auszuharren. – Mit innigem Gruß auch an Marie
Ihr Joseph Joachim

Felixchen habe ich noch nicht gesehen, will es aber dieser Tage. Bargiel geht’s wieder gut.

  Absender: Joachim, Joseph (773)
  Absendeort: Berlin
  Empfänger: Schumann, Clara, geb Wieck, Clara (3179)
  Empfangsort:
  Schumann-Briefedition: Serie: II / Band: 2
Briefwechsel Robert und Clara Schumanns mit Joseph Joachim und seiner Familie / Editionsleitung: Thomas Synofzik und Michael Heinemann / Herausgeber: Klaus Martin Kopitz / Dohr / Erschienen: 2019
ISBN: 978-3-86846-013-1
1018ff

  Standort/Quelle:*) D-B, s: Mus. Nachl. K. Schumann 3,29
 
*) Die Auflösung der Kürzel für Bibliotheken und
Archive finden Sie hier: Online Directory of RISM Library Sigla
 
 



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