19.12.2019

Briefe



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ID: 18971 Brieftext


Geschrieben am: Freitag 13.09.1889
 

Schönefeld bei Leipzig zum 13ten Septbr 89
Verehrte, theure Freundin!
Die Wünsche, welche zu Ihrem hohen Lebenfeste für Sie gesagt worden, sind Allen gemeinsam, die je von dem Hauche Ihres edlen Geistes angeweht, je aus des Lebens Niederungen in das Reich der Harmonien beglückt emporgehoben, vollends je von Ihrer Meisterhand in den Tempel echter Kunst und wahrer Schönheit geleitet wurden. – Auch wissen Sie, meine theure Freundin! wer sich zu Ihren Freunden zählt und zählen darf; Sie kennen die Gesinnung derer, die Ihrem Gemüthe mit ganzem Herzen zugehören, und keiner Worte mehr bedürfen, um sie zu offenbaren.
Schweigen aber kann wie das Herz auch die Zunge der Freunde nicht, wenn Tage kommen, die wie ein Baum aus dem Blachfeld, wie ein Hügel aus der Ebene hervorragen oder wie ein Stern aus der Bläue des Himmels leuchten; Tage, welche, eine lange Reihe von Jahren begrenzend, selbst den Reichthum von Jahren in sich schließen, weil sie unser ganzes Leben durch Erinnerung erneuen [sic], in denen alle Freude, die uns gelabt, alles Gute, was wir geleistet oder genossen, unser Gemüth mit heißem Dank erfüllen; Stunden, in denen alle tiefen Schmerzen mit verklärter Wehmuth wieder durch unser Herz ziehen und unser Knie beugen; Stunden, in denen wir uns mehr als je vor die Pforte der Zukunft gestellt fühlen und unsere Seele hoffend und bangend in dem Gebete zittert, dass die Bilder des Lebens, das uns noch beschieden ist, uns mit sanften Augen anschauen mögen. An solchen Tagen ist die eigene Seele voll u reich u weich u warm; die Freunde aber fühlen den Werth & die Weihe des Tages, welche auch schweigend zum Gebete wird. So mögen denn die Fäden Ihres theuren Lebens leicht und lange weiter fließen; mögen sie Ihnen, die Sie allezeit der reinen Schönheit und der edelsten Kunst gedient, und rüstig u wacker an dem Webstuhl Ihres Geschickes gewirkt haben, zu sanften Bildern sich verweben und schöne und edle Formen vor Allem da sich gestalten, wo das jüngere nachwachsende Geschlecht in das Gewebe Ihres Lebens eintritt. Ueber den Aufzug der eigenen Kraft und That und über den Einschlag der glücklichen Fügung walte gleichermaßen der Segen Gottes.
Im Aufblick zu Ihm und Seiner unendlichen Gnade steht Ihnen, theure, hochverehrte Frau, heute nahe und reicht Ihnen aus voller Seele die Freundeshand
Ihr Lazarus

  Absender: Lazarus, Moritz (916)
  Absendeort: Schönefeld bei Leipzig
  Empfänger: Schumann, Clara, geb Wieck, Clara (3179)
  Empfangsort:
  Schumann-Briefedition: Serie: II / Band: 18
Briefwechsel Clara Schumanns mit Korrespondenten in Berlin 1856 bis 1896 / Editionsleitung: Thomas Synofzik, Michael Heinemann / Herausgeber: Klaus Martin Kopitz, Eva Katharina Klein und Thomas Synofzik / Köln: Verlag Dohr / Erschienen: 2015
ISBN: 978-3-86846-055-1
331f.
 



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