19.12.2019

Briefe



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ID: 19557 Brieftext


Geschrieben am: Sonntag 01.05.1870
 

Wien 1t Mai 1870.
Verehrte, theure Freundin
Ich muß Ihnen bald von hier schreiben u recht herzlich danken für Ihre gütigen Empfehlungen für hier u Ihnen sagen wie unbeschreiblich gütig man, darauf hin, gegen mich ist. In Allem spricht sich eine so warme Liebe u Verehrung für Sie aus, Alle empfangen mich mit offnen Armen weil Sie, theuerste Frau es sind, die mich bei den Freunden einführt, dß es mir, neben der Freude die ich für mich daran habe, auch in Ihrer Seele wohlthut u ich recht begreife wie gern Sie hier bei diesen liebenwürdigen warm herzigen Menschen sind. Ich mag garnicht erst anfangen Ihnen dafür zu danken, dß Sie mich auf so liebevolle Weise Ihren Freunden empfahlen, denn wo sollte ich aufhören? Nun will ich Ihnen aber auch von Allem erzählen. Frl Oser schrieb mir schon nach Breslau hin und empfahl mir das Hotel, in welchem ich mich sehr gut befinde u welches sehr bequem für mich liegt. Dann empfing mich Frl Oser hier u blieb 2 Tage hier, was gewiß kein kleines Opfer war, denn sie sind Alle in Baden, wo die kleine Tochter ihrer Schwester, an der galoppirenden Schwindsucht sehr krank ist. Frl Oser muß man gleich lieb haben, Wohlwollen u Güte spricht aus dem ganzen Wesen. Als ich mit Frl Oser auf der Straße ging, begegnete mir Frau Dr Franz, die gleich, als sie hörte dß ich mit Ihnen bekannt sei, mit größter Liebenswürdigkeit sich mir zu Allem anbot. Diese Frau hat mein ganzes Herz erobert, u ist mir so sympathisch wie selten Jemand. Frl Oser hatte die große Güte mich erst zu Streichers zu führen, wo ich ebenfalls mit solcher Herzlichkeit aufgenommen wurde als sei ich selbst eine liebe Freundin, Frau Streicher ist wohl eine prächtige Natur, äußerst wohlthuend. Frl von Drathschmidt fanden wir nicht zu Haus u suchten sie bei ihrer Schwester auf, deren Mann ist verreist, die Frau gefiel mir auch ungemein, sie zeigte eine Mappe herrlicher Studien ihres Mannes u war dabei so voll warmer Begeisterung dafür daß es eine Freude war. Frl Marie v D. kam auch hin, konnte aber nur kurze Zeit bleiben weil ihr Vater krank ist. Sie war so gütig mich wieder zu besuchen, wo ich sie leider verfehlte, so dß ich sie noch nicht recht gesprochen habe. Aber liebe theure Frau Schumann, das ist mir klar dß Sie hier sehr gut aufgehoben wären, wenn Sie einmal sich wollten festsetzen, wie ganz anders ist hier die Lebensluft als in Berlin, das fühle ich schon nach 3 Tagen. Frl Streicher möchte gern Ihre liebe Eugenie einmal hier haben u so denken Alle nur mit Wonne daran Sie mit den Ihren hier zu haben. Ich schwelge in Kunstschätzen u sammle ein so viel ich kann. Gott behüte Sie, theuerste Frau, möchten Sie gesund wieder heim kommen. Viele Grüße an Marie.
Ich bin unwandelbar in Liebe u Verehrung Ihre
treu ergebne
Anna Storch.

  Absender: Storch, Anna, geb. Werner (1554)
  Absendeort: Wien
  Empfänger: Schumann, Clara, geb Wieck, Clara (3179)
  Empfangsort:
  Schumann-Briefedition: Serie: II / Band: 18
Briefwechsel Clara Schumanns mit Korrespondenten in Berlin 1856 bis 1896 / Editionsleitung: Thomas Synofzik, Michael Heinemann / Herausgeber: Klaus Martin Kopitz, Eva Katharina Klein und Thomas Synofzik / Köln: Verlag Dohr / Erschienen: 2015
ISBN: 978-3-86846-055-1
652f.
 



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