19.12.2019

Briefe



Rückwärts
	
ID: 19655 Brieftext


Geschrieben am: Mittwoch 31.05.1871
 

Liebe verehrte Freundin,
Was kann einem armen Kranken Wohlthuenderes widerfahren als einen so lieben Brief zu erhalten wie der Ihrige ist – haben Sie herzlichen Dank für Ihr freundliches Gedenken!
Als ich vor längerer Zeit in der Berl. Börsenzeitung die Nachricht las, daß Sie so schändlich beraubt worden, wollte ich Ihnen gleich schreiben, unterließ es aber, da keine andere Zeitung davon Meldung machte und ich’s daher für eine Ente hielt. Nun aber bestätigen Sie mir’s und ich kann Ihnen nicht genug sagen, wie sehr mich das schmertzt, denn ist schon der Werth nach Gelde berechnet ein so bedeutender, so ist doch der Verlust noch dadurch vergrößert daß er so viele theure Andenken betrifft, und an ein Wiedererlangen ist schwerlich zu denken! – Aber wie ist’s nur möglich gewesen, da Sie nicht im Hôtel, sondern bei Freunden gewohnt?
Daß Sie über Ludwig so gar traurige Berichte haben, muß schwer auf Ihnen lasten, Sie arme, hartgeprüfte Freundin – aber der Allmächtige hat Ihnen Ferdinand wunderbar behütet – das sei Ihr Trost!
Mein Woldemar ist, nachdem seine Augenkrankheit geheilt, beim Ersatzbataillon in Dresden und hofft nun bald entlassen zu werden, um sein Studium fortsetzen zu können. Ottilie würden Sie kaum wiedererkennen, so dick und rund ist sie geworden, ihr Junge gedeiht unberufen! ganz prächtig. Daß auch Jettchen einen Ersatz für ihr, durch einen frühen Tod entrißenes Jungelchen erhalten, scheinen Sie noch nicht erfahren zu haben, – Gott sei Dank ist auch sie ganz munter und ihr Junge gedeiht sichtlich – Helenen’s 3 Jungen haben schwere Krankheit durchgemacht, Diphteridie im stärksten Grade, aber auch hier hat Gott geholfen und so habe ich denn Grund genug ihm zu danken und mich meines Lebens zu freuen, so weit mir das meine unsäglichen Schmerzen gestatten! Da mir die Ärzte keine Linderung derselben durch den Gebrauch einer Kur in Aussicht stellen können, so bleibe ich ruhig hier – ein bloßer Landaufenthalt mit der Entbehrung der tausend kleinen Bequemlichkeiten, die mir hier meinen Zustand etwas erträglicher machen helfen, reizt mich nicht – ja, wenn ich Sie nach Rigi Scheidegg begleiten könnte!
Frege’s sind glücklich aus Italien heimgekehrt, doch hörte ich noch Nichts von ihnen – Frau Flinsch hat mir manch herrliches Schumannsches Lied vorgesungen – das ist eine der treuen Seelen – jetzt ziehen sie alle für den ganzen Sommer nach der Fabrik in Blankenberg bei Hof – auch sonst hört man viel von Reiseplänen. Dank den kleinen Enkeln müßen Ottilie und Jettchen in meiner Nähe bleiben.
Mein Hausmütterchen Elisabeth, eine warme Patriotin, wird zum Einzuge der Truppen nach Berlin reisen, wozu sie von Taubert’s eingeladen ist – es trifft sich glücklich daß deren Wohnung in der Königgrätzer Straße ist, durch die der Einzug stattfindet.
Ich habe von beifolgendem Büchlein 2000 Ex. zum Besten der deutschen Invaliden drucken laßen und hoffe daß sie Absatz finden werden – besitzen Sie es schon, so mag es Fräul. Marie freundlich von mir annehmen – das Facsimile intereßirt allgemein.
Das Wetter ist nach den beiden selten schönen Pfingsttagen wieder recht rauh geworden – möge sich’s bald freundlicher gestalten, damit Sie auf Ihrem hohen Wolkensitz nicht zu frieren brauchen!
Drängt es Sie einmal ein gutes Werk zu thun, so erfreuen Sie mit einem Briefchen voll guter Nachrichten
Ihren unveränderlich treuen
alten Voigt

  Absender: Voigt, Karl (1633)
  Absendeort: Leipzig
  Empfänger: Schumann, Clara, geb Wieck, Clara (3179)
  Empfangsort:
  Schumann-Briefedition: Serie: II / Band: 15
Briefwechsel Robert und Clara Schumanns mit den Familien Voigt, Preußer, Herzogenberg und anderen Korrespondenten in Leipzig / Editionsleitung: Thomas Synofzik, Michael Heinemann / Herausgeber: Annegret Rosenmüller, Ekaterina Smyka / Köln: Verlag Dohr / Erschienen: 2016
ISBN: 978-3-86846-026-1
173ff.
 



Wir verwenden Cookies, um Ihnen den bestmöglichen Service zu gewährleisten (Mehr Informationen).
Wenn Sie auf unserer Seite weitersurfen, stimmen Sie bitte der Cookie-Nutzung zu. Ich stimme zu.