19.12.2019

Briefe



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ID: 19716 Brieftext


Geschrieben am: Montag 30.07.1877
 

Schmiedeberg d 30t Juli 1877
Theure, geliebte Frau Schumann,
Sie haben es wohl gewußt eine wie große Freude mir die Nachricht von Elisens glücklicher Verlobung sein würde, gewiß, kein Glück das mich selbst beträfe würde mich mehr erfreuen können, mit vollem Herzen theile ich das Glück welches Sie empfinden nun über Elisens Zukunft beruhigt zu sein, nachdem Sie doch manch sorgenden Gedanken darüber gehabt haben! Wie schön, wie schön! Lieberes u Freundlicheres hätten Sie mir gar nicht schreiben können u von Ihrer eigenen Hand mitgetheilt hat es mich heut für den ganzen Tag in eine festliche Stimmung gebracht, haben Sie tausend Dank für den lieben Brief! Sie haben den jungen Mann nach wenigen Tagen schon sehr lieb gewonnen u die ernste Elise hat ihm ihre Neigung schon seit langen Jahren geschenkt – das spricht wohl genung für ihn um Elisens Zukunft mit Vertrauen entgegenzusehen, möchte das Glück ihr immer treu zur Seite stehen – wie es ja bis jetzt so oft gethan hat – denn auch eine so liebe u warme Freundin wie ihr Frau Berna ist, rechne ich mit zu den schönsten Gaben des Glücks. Hoffentlich kommt sie Ihnen nach nicht allzulanger Zeit nach Europa zurück – warum sollten Sie darauf nicht recht vertrauensvoll hoffen? – oder vielleicht gehen Sie nun doch noch einmal nach Amerika. Innig, innig freue ich mich für Sie dß nun Elisens Leben einen sicheren festen Anhaltspunkt gefunden hat, u auch daß ihre schönen Anlagen nun in jeder Richtung sich entfalten u Andere beglücken werden. Wie sehr scheint sie mir geeignet die eigene Familie, den eigenen Hausstand zu leiten u recht zu leiten. Aber die andere Nachricht, daß Sie den kleinen Dwardo nun doch verloren haben – damals, als ich bei Ihnen war, hatte er eben eine gefährliche Krankheit überstanden – hat mich tief betrübt, besonders für den armen vom Schicksal heimgesuchten Mann. Wie viel Unglück muß er tragen, und wie es mir scheint, doch in solcher Herzens-Einsamkeit, ohne Menschen um sich die ihn ganz verstehen u seinen Schmerz ganz theilen! Besuchen Sie ihn doch ja mit Elisen, das wird ihm gewiß der beste Trost sein Juliens Nächste u Geliebteste zu sehen. Welch Angstkind wird nun der Kleinste sein! möchte er Ihnen erhalten bleiben, diese letzte theure Erinnerung an Julie! Durch einen lieben Brief von Marie aus Baden, hörte ich schon daß Sie über Felix ruhiger sein konnten u freue mich nun herzlich dß Sie doch richtig den Weg zu seinem Herzen gefunden u ihn da gewiß immer mehr eines Besseren überzeugen werden. Wenn es mit der Gesundheit vorwärts geht zweifle ich nicht dß das Leben ihm die heilsamste Schule sein wird. Nun haben Sie im Herbst eine Hochzeit – in Berlin? Könnten wir jetzt mit Ihnen in der Schweiz sein, wie gern sähe ich Elise noch einmal bevor sie Europa verläßt! Überhaupt ist es mir nach den freundlichen Tagen des Zusammenseins mit Ihnen schwer geworden das plötzliche Abgeschnittensein zu ertragen, u würde noch schwerer sein wenn ich nicht den Verkehr mit Ihnen in Gedanken treulich fortführte; es vergeht warlich kaum Ein Tag an dem ich nicht mit inniger Liebe Ihrer gedächte u ein Erinnerungsschatz sind mir dabei die mit Ihnen verlebten Tage. Bei uns ist es bis jetzt recht gut gegangen. Die Ferien der Kinder, u damit der Aufenthalt bei uns, gehen mit dieser Woche zu Ende u war es eine sehr vergnügte Zeit, denn Alles war gesund u die Kinder ausgelassen lustig, was man ihnen so gönnt nach dem Ernst u der Anstrengung der Schule. Otto Steinrück, in gleichem Alter mit den Unseren war der Dritte. Nun werden wahrscheinlich in nächster Woche die beiden alten Steinrück’s auf einige Wochen herkommen u im Nebenhause wohnen worauf ich mich freue, denn ich glaube es wird ihnen gefallen u sie werden sich in der reinen Luft hier erholen. Im Übrigen leben wir still u zurückgezogen wie immer u ich sehe, daß wir mehr u mehr einsiedlerischen Neigungen nachhängen, immer weniger gern mit verschiedenen Menschen verkehren. In dieser Hinsicht würde Spina-Bad auch für uns passend sein – in großen schweizer Pensionen würden wir keinen Naturgenuß haben. Furchtbar denke ich es mir, wie Steinrück’s, bis jetzt in Berlin aushalten zu müßen. Meine Schwester dankt Ihnen innig für Ihren lieben Brief, u will ihre Glückwünsche Elisen selbst schreiben, wir haben uns Beide ganz unbeschreiblich gefreut als wir Ihre Nachricht lasen – m. Schw. hat Elise immer ganz besonders lieb gehabt! Wenn m. Schwester im Herbst nach Berlin kommt, was noch sehr unbestimmt ist, geschieht es aber im October – da wird sie Sie wieder nicht sehen! Aber Sie kommen nach Breslau, ich hoffe fest darauf. Und nun leben Sie recht, recht wohl u sagen Sie Marie u Eugenien, sie sollen nicht schelten wenn Sie zu lang an mich schreiben, denn so uneigennützig ich mich auch zu sein bemühe wenn Sie klagen daß das Schreiben Sie angreift, so beglückt mich doch ein Brief von Ihnen ganz unbeschreiblich, ich freue mich wenn ich nur Ihre Handschrift auf dem Couvert sehe, schon kindisch u begrüße Ihre lieben Schriftzüge so, als ob Sie mir Selbst die Hand reichten. Und so ist es ja auch, u so lassen Sie Sich die liebe Hand drücken u Lebewohl sagen. Gern würde ich mich Ihnen anbieten zu Besorgungen für Elisens Ausstattung – ich bin hier ja an der Quelle billiger schlesischer Leinwand – doch ist die Zeit wohl zu kurz u Elise besorgt sich in Frankfurt Alles ebensogut, u nach eigenem Geschmack. Möchten die nächsten Wochen recht erquickend u angenehm für Sie sein – innige Grüße Ihnen u Marie u Eug. von Ihrer treu ergebenen Elisabeth W.

  Absender: Werner, Elisabeth (1691)
  Absendeort: Schmiedeberg
  Empfänger: Schumann, Clara, geb Wieck, Clara (3179)
  Empfangsort:
  Schumann-Briefedition: Serie: II / Band: 18
Briefwechsel Clara Schumanns mit Korrespondenten in Berlin 1856 bis 1896 / Editionsleitung: Thomas Synofzik, Michael Heinemann / Herausgeber: Klaus Martin Kopitz, Eva Katharina Klein und Thomas Synofzik / Köln: Verlag Dohr / Erschienen: 2015
ISBN: 978-3-86846-055-1
673-676
 



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