19.12.2019

Briefe



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ID: 19719 Brieftext


Geschrieben am: Dienstag 22.10.1878
 

Breslau den 22t Oct 78.
Theure, geliebte Frau Schumann,
Tief bewegt erlebe ich mit Ihnen das Herannahen des Tages, der nach unserer Sitte das höchste Maaß menschlicher Thätigkeit bezeichnet u Ihnen die Krone reicht für lebenslängliches unablässiges Streben – im Reich des Idealsten, der Kunst! Nicht wahr, Sie mögen auch meine Stimme mit hören unter den Vielen – denn glücklich bin ich heut mit Ihnen, glücklich, daß Sie da sind in aller Kraft, daß wir Sie besitzen u haben, denn auch mein eigen sind Sie, ich hege Sie im Herzen nicht allein als meine gütige Freundin, sondern auch als die Trägerin alles dessen, was mir liebens- u verehrenswerth erscheint. Daß das Schicksal mir vergönnte Sie zu kennen u mit immer wärmerer Neigung u Verehrung zu umfassen, das beglückt mich – – ich schwärme jetzt viel mehr als vor 40 Jahren als ich Sie kennen lernte! Aber wie viel habe ich Ihnen auch zu danken! wie viel Stunden reinsten Genusses hat mir Ihre Kunst gewährt, meine Gedanken u Empfindungen über das tägliche Leben mit hinauf in reinere Regionen erhoben! Besseres kann wohl ein Mensch den Anderen nicht geben! ich habe Jedes treu im Gedächtniß bewahrt als meinen Schatz u nie hat die Kunst so zu mir gesprochen als durch Sie, theure Frau, denn immer nur ächte Perlen und Schätze haben die geliebten Hände ausgestreut. Wenn der Dank etwas sichtbares u greifbares wäre – wie wollte ich zusammentragen u zu Ihren Füßen niederlegen! Ach, wenn wir Sie doch erfreuen könnten, Alle die wir Ihnen in Liebe u Dankbarkeit nahen, aber das Einzige, das Ihnen wohlthun kann, ist der Rückblick auf Ihr reiches u Reichthum spendendes Leben, auf das Ziel das Sie erreicht, die glänzende Thätigkeit. Wie Vielen haben Sie Gutes gethan! möchte Sie der Gedanke erfreuen! Gott gebe, daß Sie den Tag gesund u frisch verleben, mit voller Kraft spielen können, überhaupt, möge Ihnen die Kunst lebenslang erhalten bleiben, diese treue Gefährtin u Freundin, die Einzige die Ihnen stets nur Glück brachte, nie Leid u Kummer. Lassen Sie mich hören wie es war, u schicken Sie mir ein Programm das Sie in der Hand gehabt haben – ich werde am Donnerstag in der Soiree nur mit halbem Herzen (ach, mit gar keinem!) sitzen u an Sie denken. Behüt’ Sie Gott! u grüßen Sie recht herzlich Marie, Ferdinand u auch Woldemar, wenn er es annehmen mag. Wenn ich ein kleiner, kleiner Brief wär „dann thäte ich so wie der,“ Ja so wie dieser hier, der übermorgen bei Ihnen ist. In alter treuer Liebe u Ergebenheit
Ihre
Elisabeth

  Absender: Werner, Elisabeth (1691)
  Absendeort: Breslau
  Empfänger: Schumann, Clara, geb Wieck, Clara (3179)
  Empfangsort:
  Schumann-Briefedition: Serie: II / Band: 18
Briefwechsel Clara Schumanns mit Korrespondenten in Berlin 1856 bis 1896 / Editionsleitung: Thomas Synofzik, Michael Heinemann / Herausgeber: Klaus Martin Kopitz, Eva Katharina Klein und Thomas Synofzik / Köln: Verlag Dohr / Erschienen: 2015
ISBN: 978-3-86846-055-1
683f.
 



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