19.12.2019

Briefe



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ID: 19725 Brieftext


Geschrieben am: Montag 07.05.1883
 

Breslau den 7t Mai 83
Theure Frau Schumann,
Ihr lieber Brief hat mich sehr beglückt! Wenn es auch noch nicht ganz bestimmt ist, so sehe ich doch nun die Möglichkeit, in diesem Sommer mit Ihnen zusammen zu treffen – bekämen Sie doch nur günstigen Bescheid aus Vordereck, damit Sie nicht etwa eine ganz andere Gegend wählen müßten. Wenn Sie dort oben sind u wir am Königsee, würden wir allerdings gar nicht zusammen kommen können. Darüber will ich aber nicht klagen, denn gewiß kämen Sie auf dem Rückwege in unsere Nähe u wenn es nur auf einen Tag wäre, so ist das schon mehr als ich Jahrelang zu hoffen gewagt habe. Längere Zeit in leicht erreichbarer Nähe von Ihnen zu wohnen, in gewohntem Lebensgang hin u wieder ein Zusammensein zu genießen – das wäre allerdings behaglicher, schöner als in Klagenfurt damals, wo ich in Hast die Minuten zählte, sie ausnutzen u genießen wollte – weil ich wußte: morgen ist Alles vorbei, für Jahre – vielleicht für immer! So Etwas wäre aber wohl zu gut für gewöhnliche Sterbliche wie ich bin. Und doch, wie schön war der Abend in Villach, u wie gern denke ich daran! Auch unser Arzt sagte uns, daß in Berchtesgaden während des Hochsommers keine frische Bergluft sei, auch da nicht, wo wir wohnen wollen. Somit ist ja also die Möglichkeit ausgeschlossen dß Sie dort wohnen könnten – Ihre Erholung ist die Hauptsache. Was uns betrifft, so wird ja der Juni für uns nicht schlimm sein u wenn dann Hitze kommt, mag meine Schwester entscheiden was etwa zu thun möglich ist. Gewiß wird sie schon im Juni einmal nach Vordereck hinauf, um zu sehen ob wir dort für einige Woche [sic] Unterkommen fänden – ob ich überhaupt hinauf kann. Wie sehr wir uns Beide darauf freuen Elise u ihre Kinder wiederzusehen, das kann ich Ihnen gar nicht sagen! schon ihretwegen würde m. Schw. bald einen Besuch nach V. unternehmen, wenn Elise früher dort oben ist. Von den hohen Preisen in Vordereck haben wir hier auch schon gehört – der Pensionspreis in Hofreit ist 4 mark, Juli u August 4,50. Nun hat mich in Ihrem Briefe aber recht neben der Aussicht auf Wiedersehen, hoch beglückt, wie schon so oft, wie ja eigentlich immer, Ihre große Güte u Liebe, die mich überschüttet u ein wahrer Balsam ist, die so wohl that, daß sie selbst enttäuschungen vergolden könnte. Gegenüber Ihrer liebevollen Einladung scheint es fast undenkbar sie nicht anzunehmen – das ist aber in Wahrheit ein gar nicht auszusprechendes Wort, denn übervoll bin ich von innigster Dankbarkeit, freue mich unbeschreiblich über jedes Ihrer Worte, u lebe mich so hinein, daß mir ist, als wäre ich schon auf dem Wege zu Ihnen! Sie haben auch nicht umsonst geschrieben, denn in Gedenken bin ich bei Ihnen in Haus u Garten u fühle mich glücklich u geborgen in Ihrem Wohlwollen, auf das ich fest vertraue! In Wirklichkeit aber können wir nicht nach Frankfurt kommen – ich bin nicht gesund genug dazu! Wir wollen über Wien, Salzburg – der nächste Weg! Über Frankfurt hätten wir einen Umweg von 2 Tagereisen auf der Eisenbahn! Noch weiß ich nicht wie ich, auf dem kürzesten Wege, in Bertgd. ankommen werde, bin leider ein rechter Hemmschuh für meine Schwester. – Das ist traurig. Bedauern Sie mich ein Wenig, gute Frau Schumann, daß ich nicht zu Ihnen kommen kann! Hübsch aber ist der Gedanke, daß eine unsichtbare Macht unsere Sommerpläne auf denselben Punkt – oder doch dieselbe Gegend – richtete, – vielleicht doch um uns zusammen zu bringen! Daß Sie Henny Scholz gern mögen freut mich recht. So wenig ich das Mädchen auch eigentlich kenne, so habe ich sie doch lieb gewonnen wegen ihres einfachen, herzlichen Wesens, u der Mutter steht sie bei wie und wo sie kann. Frau von Bunsens Briefe habe ich gelesen, mit höchstem Interesse u freue mich daß auch Sie das Buch vorgehabt haben – wie ich wohl aus Ihrer Frage entnehmen kann. Das Buch giebt ein herrliches Lebensbild, eine Frau, so gesund an Geist u Körper! Nun leben Sie wohl, geliebte Frau, sehr gespannt bin ich auf die nächste Nachricht! Hätte ich doch die Mittel Ihnen ganz u voll auszusprechen wie ich Ihnen dankbar bin für alle Liebe die Ihr Brief enthält!
Treu ergeben
Ihre
Elisabeth
Herzlichen Gruß Ihren 3 Töchtern!

  Absender: Werner, Elisabeth (1691)
  Absendeort: Breslau
  Empfänger: Schumann, Clara, geb Wieck, Clara (3179)
  Empfangsort:
  Schumann-Briefedition: Serie: II / Band: 18
Briefwechsel Clara Schumanns mit Korrespondenten in Berlin 1856 bis 1896 / Editionsleitung: Thomas Synofzik, Michael Heinemann / Herausgeber: Klaus Martin Kopitz, Eva Katharina Klein und Thomas Synofzik / Köln: Verlag Dohr / Erschienen: 2015
ISBN: 978-3-86846-055-1
701ff.
 



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