19.12.2019

Briefe



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ID: 19729 Brieftext


Geschrieben am: Freitag 21.06.1889
 

Krummhübel. Im Riesengebirge
Alexandrinenbad, den 21t Juni 1889
Geliebte Frau Schumann,
Innigen Dank für Ihren lieben Brief! ist es doch der einzig mögliche Ersatz für das versagte Zusammensein, für das so sehr viel ergiebigere Plauderstündchen – das nun wohl nicht mehr sein soll! Habe ich doch nun gehört daß Sie Ihre Reise glücklich zurückgelegt, nach Umständen alles Schöne ohne Unfall genossen haben u im traulichen Heim wieder Ihrer Arbeit leben! Ach, thun Sie doch dergleichen wieder, so lange es überhaupt noch geht – so bequem eingerichtet wie möglich, dann können Sie u die Töchter doch noch großen Genuß haben. Ich dachte oft sorgend an Sie, denn ich hörte von Freunden die auch in Italien waren, dß sie [sic] in diesem Frühjahr so besonders empfindlich vom Scirocco gelitten hatten! Und Ihr Sorgenkind, Ferdinand, läßt sich nicht lenken! wie ohnmächtig steht man so einem Kranken gegenüber, wenn er nicht einmal unterlassen kann was ihm schädlich ist! Wie gut ist es daß Sie seinem Wunsch, die Scheidung betreffend, nicht nachgeben – es ist ja so vollkommen unnöthig, da sie ohnehin getrennt leben u dabei bleiben können, für die Kinder ist es aber doch besser, wenn sie möglicherweise gar nicht erfahren wie das Verhältniß der Eltern zu einander war. Welche Verheerungen macht das Morphium in unserer Zeit! Auch Gertrud B. geht theilweis daran zu Grunde – nicht ganz, denn etwas Vagabondennatur [sic] steckt in ihr – u sie hat es sich allein aus Spaß angewöhnt, bei vollkommen gesundem Körper, von ihrer Schwester Hedwig dazu verführt! Unterdessen haben auch wir von dem unglücklichen Mädchen gehört, durch ihren Bruder (dem jüngsten hatte sie geschrieben) ziemlich dasselbe was auch Sie schreiben. Ich gebe sie ganz verloren, das Richtigste für sie ist, dß sie nach Amerika geht, da macht sie die Brüder nicht auch noch unglücklich, sie grämen sich schon genug um die ganze Sache. Der Älteste kann ihr gar Nichts geben, da er ohnehin mit genauer Noth mit Frau u Kindern auskommt. Und zu sich nehmen kann er sie auch nicht. Er schreibt, bei ihm sei das Leben Arbeit, vom Morgen bis zum Abend, was solle da ein Mensch der das Glück der Arbeit nie kennen gelernt hat? Und das ist es, Gertrud hat in Rotterdam die gleichmäßige treue Pflichterfüllung nicht durchmachen können! Sehr gut ist es ihr dort gegangen, gewohnt hat sie bei einer liebenswürdigen Predigersfamilie die ihr wohl gewollt u im Institut hatte sie lebenslängliche feste Anstellung mit Pensionsberechtigung (bei recht hohem Gehalt) zu erwarten. Es war durchaus erfreulich für sie gesorgt – da wirft sie die ganze bürgerliche Existenz über den Haufen, in einer nie wieder gut zu machenden Weise! Wäre Sie nur erst in Amerika! Bei dem ältesten Bruder haben sich schon Polizisten nach ihr erkundigt – wohl des gefälschten Receptes wegen. Im Frühjahr hat sie noch von Breslau aus für verkaufte Skizzen ihres Vaters einige 100 mk nach Paris nachgesandt erhalten – im Übrigen habe auch ich keine Ahnung wovon sie lebt. Ich habe im Beobachten dieser ganzen Sache so meine Betrachtungen gemacht, welches Unglück es ist, wenn Eltern ihre Kinder nicht zu Arbeit u Pflichterfüllung erziehen, wenn Alles nur auf Genuß u Vergnügen hinausgeht! – Ihr lieber Brief wurde mir hierher nachgeschickt, wir sind hier schon seit dem 19t Mai, Gott dankbar daß wir der Stadthitze entrinnen konnten. M. Schw. litt sehr darunter, besonders in unseren sehr kleinen Stuben. Desto schöner war es hier, selbst die heißesten Tage erträglich, im Walde immer kühle Luft. Die Lutherfestspiele haben wir nun leider versäumt, aber ich höre viel Gutes davon. Devrients Fassung der Sache hat mich schon beim Lesen aufs Äußerste gefesselt u finde ich sie sehr schön – in Breslau sind sehr viel Stellen gestrichen, aus Rücksicht auf die sehr zahlreiche katholische Bevölkerung. Anton ist ein Schulfreund von Devrient, aus der Kleinkinderschule in Berlin, u haben sie die Bekanntschaft auch später festgehalten, da hat nun Devrient Anton überrascht mitzuwirken u er hat die Rolle des Ritters Georg v. Frundsberg übernommen. Sie ist nicht groß, auch alternirt er darin mit Oswald um nicht zu viel Abende dranzusetzen. Lisbet wirkt in 2 stummen Rollen mit u ist selig darüber, voll Schwärmerei für Frl Kuhlmann u Devrient, ginge am Liebsten mit u ließe sich zur Schauspielerin ausbilden, wenn ihr nur Jemand garantiren wollte dß sie eine sehr bedeutende Schauspielerin wird. Zehn Mal die ganze Sache durchmachen ist ein Bischen viel, doch schreibt auch Anton von der so hochbedeutenden Leistung D.’s., dß man ihn nicht genug sehen könne. Es ist doch ein sehr bedeutender Mensch u die Berliner könnten froh sein wenn sie ihn dorthin bekämen – ich denke, als artistischen Direktor der königl Schauspiele hieß es. – Wir haben unseren Umzug in Breslau unter erschwerenden Umständen durchgemacht, mit dem Wunsch nie mehr zu ziehen. Verbessert haben wir uns nur in Einer Hinsicht, der Miethspreis ist geringer u das war unser Wunsch. Meine Schwester verdient Nichts mehr, das schmälert die Einkünfte bedeutend, die Wohnung war aber das Einzige woran wir noch sparen konnten, da wir im Übrigen sehr einfach leben – überdem ja auch noch die feste Sommerwohnung haben. Den großen Raum für Schülerinnen braucht m. Schw. ja auch nicht mehr. Nun ist unsere Wohnung in guter Gegend, hat freie Aussicht, Licht u Luft, aber durchweg schiefe Wände u so kleine Räume, dß man sich immer noch stößt. Wenns nicht so vernünftig wäre, wärs recht häßlich – doch an was gewöhnt man sich nicht? daß wir bis jetzt verwöhnt waren von großen schönen Stuben ist ja nur ein dankbar anzuerkennender Vorzug – möchten wir nur ohne schwere Krankheit bleiben! ich bin dankbar für jeden guten Tag ohne peinigende Sorge u wenn ich noch meine Schwester haben kann will ich mich gern in die kleine Wohnung finden. Nicht wahr – von solchen Äußerlichkeiten muß man sich frei machen? Wie viel schwerer hat es Ihre liebe Elise den Verlust des Töchterchens zu überwinden – u doch wünschte ich ihr so von Herzen dß sie etwas derber wäre u gemütlich wieder ganz gesundete! Einmal noch in diesem höre ich von Ihnen, nicht wahr? wenns auch nur ganz kurz, wenns auch nur eine Karte ist – u wenn Marie einmal ein paar Zeilen schriebe, das wäre eine langentbehrte Freude! Grüßen Sie Ihre Töchter recht herzlich von mir u meiner Schwester, die mir auch für Sie die besten Grüße aufträgt. Ihnen aber küsse ich in Gedanken die theuren, lieben Hände u bin wie immer Ihre treu ergebene Elisabeth

  Absender: Werner, Elisabeth (1691)
  Absendeort: Alexandrianenbad
  Empfänger: Schumann, Clara, geb Wieck, Clara (3179)
  Empfangsort:
  Schumann-Briefedition: Serie: II / Band: 18
Briefwechsel Clara Schumanns mit Korrespondenten in Berlin 1856 bis 1896 / Editionsleitung: Thomas Synofzik, Michael Heinemann / Herausgeber: Klaus Martin Kopitz, Eva Katharina Klein und Thomas Synofzik / Köln: Verlag Dohr / Erschienen: 2015
ISBN: 978-3-86846-055-1
713-718
 



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