15.07.2019

Briefe



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ID: 21662 Brieftext


Geschrieben am: Mittwoch 04.11.1885
 

Frankf. d. 4 Nov. 1885.
Liebes Fräulein,
fürerst sage ich Ihnen u. Ihrer lieben Freundin herzlichen Dank für Ihre theilnehmenden Worte. Ach, der Schlag war sehr hart, es war mein letzter rechter Bruder, ein edler Mensch, ein treuer Verbreiter und Arbeiter für die Methode unseres Vaters, und er hing mit großer Liebe an mir, wie ich an ihm, wenn wir auch nicht immer gleiche Gesinnungen hatten. Hätte der Arme nur nicht so sehr gelitten – es ist mir so furchtbar traurig zu denken.
Heute, liebes Fräulein, führt mich nun noch eine Bitte zu Ihnen, die ich Ihnen einstweilen im Vertrauen mittheile. Sie wissen, wir haben unseres Ferdinands Kleine bei uns, sehen aber jetzt nach einem Jahre, daß eine derartige Verantwortung, wie wir sie übernommen sich schwer mit unseren andern Pflichten vereinigen läßt, auch sprechen gemüthliche Verhältnisse dagegen (ich könnte Ihnen das besser mündlich erklären) – kurz, wir dachten, ob es nicht doch besser sey das Kind wenigstens wieder in die Nähe der Eltern und Geschwister zu bringen, aber in ein Institut, und
da fiel uns zuerst das Louisen-Institut ein, ob es da keine Möglichkeit wäre, Julchen unterzubringen? sie muß tüchtig lernen, ist begabt genug, und den Clavier-Unterricht würde sie dann wohl von Ihnen haben? Bitte, sagen Sie mir ob Julie als Berliner Kind wohl eine Aussicht haben könnte zum Jan. 1886 dort aufgenommen zu werden, und, falls eine Möglichkeit da wäre, welche Schritte ich zu thun hätte, was der jährl Preis sein würde? ob derselbe nicht meines Sohnes Kräfte übersteigen würde? das Kind muß gut erzogen werden, zu Haus ist das nicht möglich. –
Bitte sprechen Sie ’mal mit der Dame des Institutes, die Ihnen gemäß befreundet ist. Mein Sohn hat von unserer Idee noch keine Ahnung – wir möchten ihn, der noch immer sehr leidend ist, nicht eher mit der Sache beunruhigen, als bis sie sicher ist. Ich bin in großer Sorge um Ferdinand – denken Sie, er mußte nach Schönau8 in’s Spital, um sich das Morphium abzugewöhnen, weil er sonst rein zu Grunde daran ginge. Sie sehen, daß mein armes Herz nie zur Ruhe kommen soll – ach, so schwer ist das Leben! –
Geben sie mir bald eine Antwort, ich weiß, Sie helfen mir gern, wenn Sie es können.
Ich werde doch wohl am 26 Nov. i. L. spielen, ich schrieb so halb u. halb ab, aber sie lassen mich nicht los.
Mit herzlichen Grüßen und Dank im Voraus Ihre recht bekümmerte
Clara Schumann.

  Absender: Schumann, Clara, geb Wieck, Clara (3179)
  Absendeort: Frankfurt am Main
  Empfänger: Wendt, Mathilde (1688)
  Empfangsort:
  SBE: II.14, S. 113ff.
 



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