19.12.2019

Briefe



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ID: 2553 Brieftext


Geschrieben am: Sonntag 05.12.1852
 

Hochgeehrter Herr!

Die diesjährige Lieferung unsrer Ausgabe S. Bach’scher Werke ist im Druck weit vorgeschritten und wird nun bald an die Mitglieder der Gesellschaft versendet werden können. Dieser Band enthält, wie der vorjährige, zehn bisher ungedruckte Kirchencantaten. Wenn bei dem Unternehmen das Augenmerk hauptsächlich mit darauf gerichtet sein muss, die noch ungedruckten, in Bibliotheken und in Privatbesitz zerstreuten, grossentheils nur im Autograph oder in wenigen Abschriften vorhandenen Compositionen S. Bach’s in einer treuen und correcten Herstellung zu sammeln und vor leicht möglichem Untergange zu bewahren, so würde es sehr wünschenswerth sein, mit der Ausgabe der so wenig bekannten Kirchencantaten noch längere Zeit fortfahren zu dürfen. In ihnen hat S. Bach sein Eigenthümlichstes und Tiefsinnigstes niedergelegt. Eine möglichst vollständige Sammlung dieser Cantaten in einer Reihe von Bänden aufgestellt, wie die zwei jetzt vollendeten, würde einen Reichthum unschätzbaren Kunstwerthes bieten. Der Fortgang des Unternehmens beruht aber auf der fortgesetzten Theilnahme unsrer Mitglieder; und wenn auch bei einem jeden Einzelnen das Interesse für Bach’s Musik überhaupt angenommen werden darf, so wird dasselbe doch nicht bei allen eben auf die Gesangmusik gerichtet sein: ein grosser Theil sieht der Claviermusik erwartungsvoll entgegen. Hier ist nun die Ausbeute an unedirten Werken weit weniger ergiebig. Das Meiste und jedenfalls das Vorzüglichste ist bereits gedruckt, in mehrfachen zum Theil sorgsamen Ausgaben verbreitet. Von der Aufnahme in die Gesammtausgabe ist es dadurch zwar auf keine Weise ausgeschlossen, wir werden aber auch dafür sorgen müssen, dass unsere Ausgabe des bereits Gedruckten vor den schon vorhandenen einen Vorzug erhalte: dass sie neben der Berechtigung als Theil des Ganzen da zu sein, gegen die anderen Ausgaben auch an sich einen eignen Werth behaupte. In den Handschriften von S. Bach’s Clavier- und Orgelcompositionen finden sich dieselben Musikstücke oft in sehr verschiedenen mehr oder weniger voneinander abweichenden Lesarten oder Umarbeitungen wieder, und es ist nicht immer leicht zu bestimmen, welche der Lesarten das vom Autor Vorgezogene, welche das Verworfene enthält. Wo ein Meister wie S. Bach sich corrigirt, da ist Beides von Interesse, und der Vergleich zwischen Beiden ist es nicht minder. – Von den vielen Ausgaben des wohltemperirten Clavieres haben wohl nur einige die Originalhandschrift zu Rathe gezogen; aber auch die wenigen die es gethan, differiren bedeutend unter einander, indem sie eben verschiedenen Handschriften Bach’s gefolgt sind. Wenn wir nun für den nächsten Jahrgang, um die Claviermusik mit einem Hauptwerke zu beginnen, das wohltemperirte Clavier zu ediren beabsichtigen, so gedenken wir die Varianten, wie sie in Bach’s Handschriften selbst sich vorfinden, in dieser Ausgabe mit aufzunehmen. Bedeutende Hülfsmittel sind für eine solche Redaction dieses Werkes zwar schon geboten; es wird aber immer sehr dankenswerth sein, wenn die Mitglieder der Bachgesellschaft und namentlich des Ausschusses uns mit den ihnen zustehenden Materialien oder mit Nachweisung zuverlässiger Quellen beistehen wollen, und so ersuchen wir auch Sie, hochgeehrter Herr, dieser Angelegenheit Ihre Sorge und thätige Theilnahme gewähren zu wollen. Nur durch das Zusammenwirken Vieler wird hier das vollständig Genügende zu vollbringen sein. Es sind in diesem Jahre vom Ausschuss der Bachgesellschaft ausgetreten: Herr Ritter Bunsen und Herr Dr. Hilgenfeldt. Verstorben sind die Herren Musikdirector Rungenhagen und Geh. Obertribunalrath v. Winterfeld. Nach dem § 12 der Statuten ist der Ausschuss aus den Mitgliedern der Gesellschaft durch eine Wahl, bei welcher jedes Mitglied des Directoriums und des Ausschusses Eine Stimme hat, wieder zu ergänzen. Wir ersuchen Sie hierdurch, aus der dem ersten Bande der Werke vorgedruckten Liste der Gesellschaftsmitglieder9 und deren hier angefügter Ergänzung vier Ausschussmitglieder zu wählen, diese Wahl in den beigefügten Wahlzettel einzutragen und letzteren uns bis zum 18. dieses Monats zugehen zu lassen. Dabei erlauben wir uns die in der Anlage benannten Gesellschaftsmitglieder zum Behuf einer engeren Auswahl vorzuschlagen, nur in der Absicht, eine leichtere Vereinbarung der Stimmen damit herbeizuführen. Es bleibt, wie selbstverständlich ist, die Wahl aus der ganzen Zahl der Mitglieder eine völlig unbeschränkte. Schliesslich laden wir Sie zu der den Statuten gemäss zu berufenden Jahresversammlung des Ausschusses auf Sonntag d. 19. December d. J. ein, und ersuchen Sie, sich an diesem Tage Nachmittags 4 Uhr im kleinen Saale des hiesigen Gewandhauses einzufinden. Ausser dem allgemeinen Bericht über das verflossene Jahr und den speciellen Nachweisen über die Finanzverhältnisse der Bachgesellschaft werden Vorschläge über die fernere Thätigkeit derselben zur Besprechung vom Directorium vorgelegt werden, wie wir deren von den Mitgliedern des Ausschusses erbitten und hoffen.

LEIPZIG, den 5. December 1852.

Das Directorium der Bach-Gesellschaft.
M. Hauptmann, Vorsitzender.
C. F. Becker, für den Schriftführer.

[Beilage]

MITGLIEDER
DER BACHGESELLSCHAFT
welche seit dem Erscheinen des ersten Bandes eingetreten sind.
______________
Herr Speidel, W. in München. Herr Fries, A. Musikdirector in Boston.
″ Riedel, C. in Cronenberg. ″ Calo, F. F. in Stettin.
Frau Howard, in Leipzig. ″ Franck, A. in Paris.
Herr Löw, Rud. in Basel. ″ Chipp, Edm. in London.
″ Trithen, O. in Odessa. ″ Mosche, E. in Lübeck.
Der städtische Gesangverein in Elberfeld. ″ Grenzebach, E. in Bamberg.
Der Domchor in Magdeburg. ″ Burrowes, J. F. in London.
Herr Fingenhagen, Org. in Magdeburg. ″ Hill, Th. in London.
″ Fleischer, Org. in Glogau. ″ Schurig, Cantor in Dresden.
″ Franck, E. Gesanglehrer in Cöln. Der Tonkünstlerverein in Berlin.
″ Meyer, G. M. jun. in Braunschweig. Der Domchor in Berlin.
″ Horn, E. in Wien. Herr Lindblad, A. J. in Stockholm.
″ Matthaei, Dr. in Cronau. ″ Landberg, L. in Rom.
5. Dezember 1852 499
″ Homer, L. P. in Boston. ″ Herion, Musiklehrer in Dresden.
″ Bernard, M. in St. Petersburg. ″ von Beckerrath [sic] in Crefeld.
″ Homann, Organist in Elberfeld. ″ Wolff, A. in Paris.
″ K ahl, Cantor in Breslau. ″ Rodrique, E. in Paris.
″ Friedel, B. Musikhändler in Dresden. ″ March, Joseph in St. Lukis.
″ Blanckmeister in St. Petersburg. ″ Crowe, Henry in London.
″ Fischer in St. Petersburg. ″ Herbert, J. in London.
″ Büttner, Musikhändler in St. Petersburg. ″ Sharpe, H. in London.
″ Bagge, Selmar, in Wien. ″ Best, W. T. in London.
″ Hofmeister, Fr. in Leipzig. ″ Cooper, G. in London.
″ Beyer, Ferd. in Mainz. ″ Hopkins, E. J. in London.
″ Schott, Franz, in Mainz. ″ Mackenzie, L. M. in London.
″ Schott, Joseph, in Mainz. ″ Molique, B. Kapellmeister in London.
″ Radecke, R. in Leipzig. ″ Walmisby in Cambridge.
″ Oxenstjerna, Graf in Stockholm. ″ Ritter, Alex. in Dresden.
″ Marpurg, Musikdirector in Königsberg. ″ Scherzer, Otto in Ansbach.
″ Müller, Musikhändler in Königsberg ″ Bock, R. in St. Petersburg.
″ Wieck, Alwin in St. Petersburg. ″ Courtney, H. in Brighton.
″ Vesque v. Püttlingen, ″ Emmrich, Dr. in Hildburghausen.
k. k. Ministerialrath in Wien.
Frau Gräfin Branicka in Paris. ″ Eschmann, J. C. in Winterthur.
Herr Keuthe, Dr. in Jena. ″ Rieter Biedermann in Winterthur.
″ Schriefer, Chorrector in Bamberg. ″ Lallemand, Avé in Hamburg.
″ v. Perfall in München. Der Cäcilienverein in Carlsruhe.
Die Dreyssig’sche Singacademie Frau Mauthner, Julie, Edle von
in Dresden. Mautstein in Wien.
Herren Schott & Co. in London. Herr Albrecht, R. in St. Petersburg.
Herr Pauer, E. in London. Organist Zerck in Rostock.
Fräulein Krinitz, Elise, in Brighton.
Dagegen sind durch den Tod und sonst ausgeschieden:
Verstorbene: Herr Ritter Bunsen, k. Preuss.
Gesandter in London.
Herr Durchner in Klagenfurth. ″ Ergmann, C. G. in Cöln.
″ Rungenhagen, Musikdirector in Berlin. ″ Fischer in Marienwerder.
″ v. Winterfeld, Geh. Obertribunalrath ″ Heimann in Cöln.
in Berlin.
Ausgeschiedene: ″ Hilgenfeldt, Dr. in Hamburg.
Herr Bel in Cöln. Frau Consul Kalkmann in Hamburg.
″ Broer, Cantor in Breslau. Herr Schnitzler in Cöln.
″ Weber, Fr., Musikdirector in Cöln.

[BV-E, Nr. 4585b:] Bachgesellschaft. [Ver sand:] fr. [beantwortet:] +

  Absender: Bachgesellschaft, Direktorium (126)
  Absender-Institution: Bachgesellschaft
  Absendeort: Leipzig
  Empfänger: Schumann, Robert (1455)
  Empfangsort:
  Schumann-Briefedition: Serie: II / Band: 20
Briefwechsel Robert und Clara Schumanns mit Korrespondenten in Leipzig 1830 bis 1894 / Editionsleitung: Thomas Synofzik und Michael Heinemann / Herausgeber: Annegret Rosenmüller und Ekaterina Smyka / Dohr / Erschienen: 2019
ISBN: 978-3-86846-030-8
496-500
 

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