25.02.2022

Briefe



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ID: 26610
Geschrieben am: Samstag 15.11.1834
 

Magdeburg d. 15. Novbr. [18]34
Liebe Frau,
wir sind glücklich hier angekommen. Clara hat unterwegs 3 Mandeln faule Mispeln, Äpfel, Birnen pp verzehrt, 3 Sorten Schnaps getrunken, denn es war sehr kalt, incl. schlechten Kaffe dazwischen – kurz – Clara lag den ganzen Donnerstag im Bett, hat mehr von sich gegeben – als eingenommen und konnte den Kopf nicht halten. Gestern hat sie aber schon einige Besuche mitgemacht u. Abends gespielt bei der Superin. Dülfs. Wie gewöhnlich schüttelte man hier die Köpfe wegen eines Concerts u. Mühling meinte, hätte er unseren Brief eher erhalten, so würde er es abgeschrieben haben. Ich ließ merken: Clara ist da pp die alte Leyer.
[Claras Schrift] Wir haben gestern Abend bereits 8 von den Magdeburgern warm gemacht, und sie bis zum höchsten Enthusiasmus getrieben, und zwar durch Chopin’sche Compositionen. Der beste Clavierspieler hier J. Ehrlich verlor die Sprache. Den Flügel haben wir zu Banks Eltern – ein paar sehr liebenswürdige Leute – tragen lassen, wo ich nun auch immer übe. Auch hat Hr. Bank einen sehr geistvollen 12jährigen aber schwächlichen Bruder, welcher nicht lernen darf, um sich nicht anzustrengen, seine Eltern lassen ihn nicht einmal spazieren gehen aus Zärtlichkeit und Angst, daß ihn die Luft einmal sanft anwehen könnte und er – umfiele.
Die vornehmsten Personen der Stadt interessieren sich für unser Concert, und H. Bank besonders sucht alles in Bewegung zu setzen, was uns auch von großem Nutzen ist.
Liebe Mutter, wie Du siehst, hab ich den Brief fortgesetzt, was wohl auch öfter vorfallen wird, indem Du immer lange Briefe haben willst und der Vater zu viel zu thun hat mit dem Concert.
Wir wohnen hier in der Stadt Prag und werden erst sehen, wie wir geprellt werden. Das Concert geben wir in der Stadt London an einem Theatertage und zwar nächsten Donnerstag. Morgen gehen wir zum Gouverneur der Stadt Magdeburg, Herrn Haas, welcher heute einen Ball giebt, wo ganz Magdeburg in Alarm versetzt ist, und die Damen schon seit 8 Tagen Nähmammsells bei sich haben.
[Wiecks Schrift] d. 17. Gestern waren wir in einer zweiten Gesellschaft. Sie sind nun warm, jedoch leider sind wir hier auch um 20 Jahre voraus, man fragt uns hier auch: haben Sie die Schwester von Felix Mendelssohn gehört, die spielt Sonaten von Beethoven pp? Fräulein N. aus Berlin, eine der allergebildetsten u. musikalischsten Berlinerinnen ist bei der Bischhöfin Westermeier. Sie hat mich bestimmt, Berlin fahren zu lassen. Nachdem Clara die außerordentlichsten Stücke wahrhaft außerordentlich gespielt, sagte die Berlinerin, Sie sollten Ihre Clara auch das g-moll Concert von Mendelssohn studiren lassen. Ich: verzeihen Sie, das hat meine Tochter vor 3 Jahren vom Blatt gespielt, ehe es erschienen war. Banck: das ist ja für Clara viel zu leicht und unbedeutend, Sie: nun, das ist doch das schwerste Concertstück, ganz Berlin sagt das. Sie sollten es nur von Felix hören! Ich: in Berlin kann ich es nicht von ihm hören, denn ich gehe nicht hin, sondern nur nach Stettin. Allgemeines Stillschweigen. Banck raunte mir ins Ohr, „diese ist die allerliebenswürdigste und bescheidenste Berlinerin“. O Gott, rief ich, wie schön muß es man in Berlin seyn für einen Künstler, der mehr kann, wenn er auch nicht Clara ist. Und ich sage Dir, schicke mir die Empfehlungsbriefe nicht u. sey ruhig u. tröste dich. Meine unmaßgebliche Arroganz könnte sich in Odyssee auflösen. Ich gehe von hier nach Halberstadt. Schickt den Flügel aus der kleinen Stube, nachdem er ganz schön gemacht, intoniert pp, sogleich nach Halberstadt ab, jedoch nur, wenn die Saiten bei hoher Stimmung nicht springen. Außerdem schickt den in der großen Stube. Mit dem hiesigen geht es nicht. Die schwere Spielart ist unerträglich u. alle Tage springen Saiten. Sagt das H. Mohn. Ich habe nun hier keinen Flügel u. muß den alten von Ehrlich nehmen. Welcher Nachtheil für mich, ich muß ihn nach Hause schicken u. habe hier dadurch meinen Credit verloren. Wenn nur das solche Leute bedächten. Kann ich den in Halberstadt verkaufen, so soll der neue nach Braunschweig. Haltet ihn ja bereit u. laßt gleich die Spielart leichter machen u. darauf spielen, daß er noch einmal intoniert werden kann. Die Adresse macht an den Herrn Oberlandesgerichtsassessor Augustin in Halberstadt. Er soll aber bei dem Spediteur in H. stehen bleiben, bis ich mich melde. Aber Ihr müßt mir den Namen des Spediteurs in H. melden. Er soll jedoch vor Freitag (oder Sonnabend) nicht abgehen. Das 2te Concert werde ich wohl hier erst auf der retour geben. Gestern mußten wir nach Claras Spiel auch singen hören. Gott, das ist zu viel, ich kehre wieder um. Schaam, Zittern, den Kopf unters Klavier stecken. Adieu, meine Theuerste, schreibe mir bald. ewig dein
Fr. Wieck
Stadt Prag

Grüße von Banck an alle
auch an die schönen Schwestern
incl. von Clara an alle.
Sehr eilig u. Du mußt sehr vorsichtig seyn.

  Absender: Wieck, Friedrich (1709)
  Absendeort: Magdeburg
  Empfänger: Wieck, Clementine (1708)
  Empfangsort:

  Standort/Quelle:*)
 
*) Die Auflösung der Kürzel für Bibliotheken und
Archive finden Sie hier: Online Directory of RISM Library Sigla
 
 



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