19.12.2019

Briefe



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ID: 2826 Brieftext


Geschrieben am: Freitag 31.10.1851
 

Hochverehrter, geliebter Meister,

Sehr bald nach meinem letzten Schreiben an Sie erhielt ich durch Peters den Clavierauszug der „Genoveva“. Sage ich Ihnen erst jetzt, acht Monate später, meinen innigsten Dank dafür, so wollen Sie dies gütigst damit entschuldigen, daß ich diese ganze Zeit über ohne Unterbrechung im Correctorjoche befindlich war, ein Umstand, der mich leider bis heute noch verhinderte, das geliebte Werk von Grund aus zu studiren,geschweige denn so zu durchleben, daß ich an die Ausführung meines Planes darüber zu schreiben, schon gehen könnte. Ich fühle die ganze last solch widrigen Geschickes, muß mich aber der äußeren Nothwendigkeit folgend ruhig darein ergeben. Neben vielen Werken kleineren Umfanges mußte ich während des fraglichen Zeitraums die Clavierauszüge der „Pique Dame“ (von Halevy), der kürzlich erschienenen „Leonore“ (von Prof. Jahn nach den ersten beiden Bearbeitungen Beethovens verfaßt) endlich den Auszug von Wagners „Lohengrin“ verdauen: Kurz, ich mußte alle Zeit, welche mir das liebe Stundengeben übrig ließ, vercorrigiren. Hatte ich so zwar eine annehmliche materielle Existenz, so doch keineswegs eine gleich annehmliche bezüglich des Geistes- und Kunstlebens. In dieser Hinsicht reducirten sich meine Freuden fast allein auf die Correctur Ihres Op. 98. - Ist es sicher kein Verlust, wenn ich mich auf literarischem Felde nicht bethätigen kann, so bleibt mir es doch immer schmerzhaft, dem gegenwärtigen Tummeln darauf müßig zusehen zu sollen. Die Kenntnißnahme des „Lohengrins“ hat mich den Genoveva-Kritiken gegenüber, wieder, wie ich denke, sattelfest gemacht. Die Wagner'sche Partei hat bis jetzt, geflißentlich oder ungeflißentlich gemieden, auf Genoveva Bezug zu nehmen. Princip halber müßte ihr dieses Werk sehr willkommen sein, sei es auch nur, um das specifische Gewicht Lohengrins und Tannhäusers daran zu bestimmen; vielleicht fürchtet sie daß Ergebniß des Messens und schweigt deshalb, vielleicht bemerkt sie gar nicht, daß schon gefunden, was Wagner sucht. - An Krigar bin ich irre geworden, wie überhaupt an Vielem, das seit Jahresfrist zu Tage gefördert. Die Art und Weise, wie Uhlig ihm zuletzt in der „Neuen“ begegnet, sieht einem völligen Bruche der Zeitschrift mit ihm ähnlich. Ich kann wohl sagen, Krüger's Recension der Genoveva hat mir ungemein wehe gethan; für unehrlich halte ich ihn nicht; ich muß als: gänzliches Verkennen bei ihm annehmen, jedoch deshalb kann ich mir noch nicht erklären, wie er zu den Schlußbemerkungen gekommen ist. Wie mit Messern schnitten diese in mich. Und nun vollend hierorts, wo Unwahrheit die sämmtliche Musikgenossenschaft zu überwuchern scheint: wo ist da ein Ausweg zum Licht? Es sieht schlimm aus! - Unsere Wintersaison hat noch nichts Neues gebracht. Ich hoffe, sie werde mit dem Requiem für Mignon nicht zu lange warten lassen. Auch ist dies Jahr die zweite Symphonie an der Reihe. Ihre dritte Symphonie ist noch nicht nach Leipzig gekommen; ich freue mich recht darauf. Das Concertstück Op. 92 liegt bereits zur Correctur bei mir; nächstens nehme ich's in Angriff, nur Schade, daß der Stich nicht der beste ist. Das erste Streichquartett, von Dresel arrangirt, befindet sich zur Zeit im Stich, außerdem wird an den Bach'schen Cantaten, dem Loreley-Finale und dem „Christus“ von Mendelssohn tüchtig gearbeitet. Verehrter Meister, ich schließe – und nehme wieder den Rothstift. Ich klage nicht, aber vorwärts kommen möchte ich gern; quält mich dies Verlangen, so bin ich doch noch froh, daß es nicht verloschen ist. Nochmals innigsten Dank! Kann ich Ihnen mit meiner wenigen Kräften irgendwie dienstbar sein, so lassen Sie mich es gütigst wissen.

Mit größter Verehrung und steter Treue
Ihr ergebenster
A. Dörffel.

Leipzig, den 31. October 1851.

[BV-E, Nr. 4289:] A. Dörfel. [beantwortet:] + [Versand:] fr. [Bemerkung:] X.

  Absender: Dörffel, Alfred (377)
  Absendeort: Leipzig
  Empfänger: Schumann, Robert (1455)
  Empfangsort:
  Schumann-Briefedition: Serie: II / Band: 20
Briefwechsel Robert und Clara Schumanns mit Korrespondenten in Leipzig 1830 bis 1894 / Editionsleitung: Thomas Synofzik und Michael Heinemann / Herausgeber: Annegret Rosenmüller und Ekaterina Smyka / Dohr / Erschienen: 2019
ISBN: 978-3-86846-030-8
379-382
 



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