15.07.2019

Briefe



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ID: 7141 Brieftext


Geschrieben am: Samstag 25.02.1843
 

Werthester Freund,
erst ein wenig spät komme ich dazu Ihren von Ihrer lieben Frau mir überbrachten Brief zu beantworten. Auf welche Weise jetzt meine Zeit so belästigend in Anspruch genommen wird, können Sie leicht errathen, u. ich bedarf daher wohl keiner weiteren Entschuldigung.
Der kurze Besuch, den Ihre liebe Frau den Dresdenern machte, hätte nur länger und in Ihrer Begleitung sein sollen. Zumal wünschte ich recht sehr, Sie veranstalteten hier einmal vor dem großen Publikum – will sagen: öffentlich – eine musikalische Unterhaltung, worin Sie den Leuten Ihre Sachen, u. namentlich auch Ihr neues Quintett zu hören gäben. Es sollte mich freuen, wenn Sie bei einer solchen Gelegenheit erführen, daß Sie über die jetzige Geschmacks-Richtung unsres Publikum’s in einem heute nicht mehr gerechtfertigten Vorurtheil befangen sind. Die Zeit des Bellinismus hat sich hier gänzlich überlebt, u. wenn er vielleicht noch irgendwo haftet, so ist dies bei einer gewissen Clique der hohen Welt, die, was triviale Geschmacks-Richtung betrifft, sich ja wohl überall gleich ist – aus Ursachen, die ich Ihnen nicht erst anzuführen brauche. An einem Orte, wo lange Zeit nur eine italienische Oper existirte, ist es wohl nicht zu verwundern, wenn die Vorliebe für italienische Musik auch später noch rege blieb, als zumal eine Schröder-Devrient, nirgends in deutschen neueren Werken Nahrung für ihr großartiges Darstellungs-Talent vorfindend, sich mit, halb u. halb gezwungenem, Enthusiasmus auf die Darstellung Bellinischer Partien warf. Sie hat in diesen Rollen überall entzückt, – so auch hier. Seitdem nun aber von unsren Künstlern selbst diese Vorliebe aus endlich hervorgerufenem Ekel aufgegeben, u. sie sich mit ausschließlichem Behagen dem Studium ächterer Musik hingegeben haben, ist denn auch das Publikum willig u. gern auf Veredelung in der Geschmacks-Richtung eingegangen. Es ist im Gegensatz zu früher hier ein wahres, überall sich aussprechendes Verlangen entstanden nach Kunst-Genüssen höchster Art, u. hier ist allerdings der Punkt, wo eingestanden werden muß, daß unsre Kunstfreunde in arger Verkümmerung liegen. Etwas ähnliches wie Eure Gewandhaus-Conzerte kennen wir hier nicht u. der einzige kümmerliche Ersatz dafür – Abonnements-Conzerte, veranstaltet von dem Musikdirector eines Militär-Musik-Corps – wird dennoch von unsrem Publikum mit einem Interesse beachtet, welchem billig würdiger zu entsprechen wäre. Daß von Seiten unsrer Kapelle noch nichts geschehen konnte, um dem Verlangen des Publikum’s nach öfter zu hörenden
Aufführungen gediegener Instrumental-Werke zu genügen, beruht auf einem Uebel, welches jedenfalls bald gehoben werden muß. – Für jetzt kann nur von unsren Opern-Aufführungen die Rede sein, u. was diese betrifft muß Ihnen [sic] einfach ein Blick auf unser Repertoir lehren, daß die Zeit des Bellinismus hier vorbei ist: halten Sie, um Gottes Willen! damit zusammen, was jetzt an anderen Orten, z. B. in Berlin geboten wird! Gehen Sie das Repertoir < > des letzten Winter’s durch, und Sie werden meist finden: Iphigenia, Fidelio, Freischütz, Jessonda, Templer, Blaubart8 etc. – Erlauben Sie mir selbst anzuführen, daß es gewiß wenigstens für den Ernst unsres Publikum’s spricht, daß eine Composition, wie mein „fliegender Holländer“ hier eine so warme Aufnahme fand. Ihre Mittheilungen über diese Arbeit, nachdem Sie die Partitur derselben durchgesehen haben, bestätigen diese meine Bemerkung, u. nach den Einwendungen, die Sie mir über das zu düstere Colorit machen, sollte, da ich sie für begründet erkenne, eher die Meinung erweckt werden, daß eine solche Arbeit hier durchaus nicht hätte ansprechen können. Da nun aber, je öfter die Oper hier gehört wird, das Publikum immer mehr sich damit befreundet, so glaube ich, war es nicht unpassend, auch dies zu citiren, um Ihnen eine bessere Meinung über den Ernst der jetzt hier immer mehr um sich greifenden Geschmacksrichtung zu erwecken. – Uebrigens stimme ich Ihnen in Allem bei, was Sie – Ihrer jetzigen Kenntnisnahme nach – über meine Oper sagen; nur das Eine hat mich erschreckt, u. – ich gestehe es Ihnen – der Sache selbst wegen, erbittert: Daß Sie mir so in aller Ruhe hin sagen, manches schmecke oft nach – Meyerbeer. Vor Allem weiß ich gar nicht, was überhaupt auf dieser weiten Welt „Meyerbeerisch“ sein sollte, außer vielleicht raffinirtes Streben nach seichter Popularität: etwas wirklich Gegebenes kann doch aber nicht Meyerbeerisch sein, da in diesem Sinne Meyerbeer ja selbst nicht Meyerbeerisch, sondern Rossinisch, Bellinisch, Auberisch, Spontinisch etc. etc. ist. Gäbe es aber wirklich etwas Vorhandenes, Consistentes – was „Meyerbeerisch“ zu nennen wäre, wie man etwas „Beethovenisch“ oder meinetwegen „Rossinisch“ nennen kann, so gestehe ich, müßte es ein wunderbares Spiel der Natur sein, wenn ich aus dem Quelle geschöpft hätte, dessen bloßer Geruch aus weiter Ferne mir zuwider ist; es wäre dies ein Todesurtheil über meine Productions-Kraft, u. daß Sie es aussprechen zeigt mir deutlich, daß Sie über mich durchaus noch keine unbefangene Gesinnung haben, was sich vielleicht aus der Kenntnis meiner äußeren Lebensverhältnisse herleiten läßt, da diese mich allerdings zu dem Menschen Meyerbeer in Beziehungen gebracht haben, durch die ich ihm zu Dank verpflichtet worden bin.
– Was überhaupt ein öffentlich festzustellendes Urtheil über meine Arbeiten betrifft, bin ich froh jetzt in der Aussicht leben zu können, meine Opern bald durch die Aufführung verbreitet zu sehen: denn was von hier aus die Localkritik vermeldet kann leider für mich u. die Sache nicht eines Heller’s Werth haben. Von denen, die in auswärtige Blätter berichten, sind die Einen arme Teufel, die das Theater nicht bezahlen können u. deshalb berichten „ich konnte die Oper zwar noch nicht sehen, sie soll aber“ etc. – die Andern, gar selbst praktizirende Musiker, können offenbar den Brodneid nicht verheimlichen, – so haben Sie unsres Freundes Bank Meisterstück in der Wiener mus. Zeitg. wohl gelesen. Charakteristisch ist es übrigens auch, daß die Härtel’sche Mus. Ztg., die sich aus Gott weiß was für Nestern Berichte einschicken läßt, so gut wie noch kein Wort über die Erscheinung meiner Opern gemeldet hat. Wenn ich nun weiß, daß hinter dieser Zeitung ein großer, weithin angebeteter Tonfürst steckt, so erweckt mir dieß keine sehr freundliche Meinung über dessen wahren Charakter. Stünde ich so wie Er, so würde ich den Teufel darnach fragen, was dieses oder jenes Blatt über mich sagt: wie es jetzt steht, muß mir aber noch daran gelegen sein, empfohlen zu werden, u. zwar rein der Verbreitung wegen, die für mich u. meine Opern ein Lebensbedürfnis ist. – –
Ihr Quintett, bester Schumann, hat mir sehr gefallen: ich bat Ihre liebe Frau, es zweimal zu spielen. Besonders schweben mir noch lebhaft die 2 ersten Sätze vor. Ich hätte den 4ten Satz einmal zuerst hören wollen, vielleicht würde er mir dann besser gefallen haben. Ich sehe, wohinaus Sie wollen, u. versichere Ihnen, da will ich auch hinaus: es ist die einzige Rettung: Schönheit!
Leben Sie wohl, werthester Freund, u. empfehlen Sie mich bestens Ihrer verehrten Frau.
Stets
Ihr ergebenster
Richard Wagner.

Dresden, 25 Febr. 1843

  Absender: Wagner, Richard (12918)
  Absendeort: Dresden
  Empfänger: Schumann, Robert (1455)
  Empfangsort:
  SBE: II.5, S. 81- 85
 



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