19.12.2019

Briefe



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ID: 9356 Brieftext


Geschrieben am: Mittwoch 10.04.1861
 

Düsseldorf d. 10 April 1861
Liebe Elisabeth,
zürnen Sie mir nicht, daß Sie so lange nichts hörten, ich konnte aber wirklich nicht zum Schreiben kommen, und Marie, Sie wissen, läßt sich immer sehr erinnern, ehe sie schreibt. Vorgestern bin ich hier wieder eingetroffen, und war herzlich froh gleich Nachricht von Ihnen zu bekommen. Eugeniens Brief aber folgt wieder zurück, der ist so schlecht geschrieben, daß ich ihn nicht lese – sie soll ihn gleich noch einmal ganz schön abschreiben – ich weiß, daß sie es besser kann. Was habe ich mir für Scrupel gemacht die vergangenen Tage. Sie in dem Ziehtroubel für mich zu wissen, Sie Liebe, Aufopfernde. Nehmen Sie tausend Dank für Alles – ich hoffe Ihnen bald selbst die Hand dafür zu drücken, denn ich sehne mich zu sehr die Kleinen und Sie zu sehen. Bis in 10 Tagen denke ich zu kommen, schreibe Ihnen noch genauer den Tag. Hierbei erhalten Sie einige Zeilen an Böhm – lesen Sie sie, damit Sie Alles genau wissen, Ich dachte, wozu soll der Flügel erst die 3 Treppen hinauf, wenn H. Böhm ihn doch so gern bald hat? ich habe ihn nun zwar an Sie adressieren lassen, jedoch „Bahnhof restante“. Bezahlt Ihnen nun (d. h. deponirt) H. B. 300 Thaler und den Transport, so lassen Sie Ihm den Flügel, jedoch müssen Sie erst das Geld in den Händen haben; heben Sie es dann gut auf, und verlangen Sie baldigen Bescheid von Ihm, ob er es behält. Es wäre wohl gut, wenn Sie auf der Bahnhof-Expedition noch ’mal hinterließen, daß ein Instrument von Detmold käme, man möge Ihnen aber nur den Frachtbrief bringen, das Instrument selbst aber nicht eher, als bis Sie darüber bestimmt haben. Das [sic] Ihnen Julie nicht geschrieben, begreife ich nicht, denn [sie] schrieb mir hoch erfreut von Ihren Geschenken. Vieles habe ich mit Ihnen zu sprechen, über Julie, die Knaben, Elise, und Manches Ihnen von meiner Reise zu erzählen. Ich habe die Freude gehabt (mit guter Musik) das Publikum in Brüssel zum größten Enthusiasmus hinzureißen; wer die musikal Zustände dort kennt, weiß, was das sagen will. Ich gab dort 2 Concerte und eine Matinee; mir blieb von der Reise doch nach Abzug aller Kosten 1000 Thaler, so daß ich mit Dem, was ich vorher hatte, den Sommer auskommen kann, was mir eine wahre Beruhigung ist. Ich habe mir übrigens außer diesen tausend Thaler doch für 150 Thl Sachen in Brussel [sic] geschafft, (das also auch noch verdient,[)] auch so Marie und Elise ( zum Geburtstag ) seidene Kleider und Jeder einen schönen Kragen gekauft. Ich habe also Grund zufrieden zu sein. Eine Bitte habe ich: ich hatte Marien ein hübsches Sommerkleid gekauft, jetzt ist das aber zu wenig wegen der Länge, die Marie braucht, bitte schreiben Sie mir ganz genau, aber umgehend, weil ich vielleicht schon Sonnabend nach Hannover gehe, Emma’s Längenmaaß, (mit dem Einschlag) nach der Elle, ist es genug, so bringe ich Ihr es mit. Da sie sich gern jugendlich kleidet wird es Ihr gefallen. Ich habe mich herzlich gefreut, daß es Ihnen in Karlswerk so gut gefallen hat, und wie gut haben Sie es mit dem Wetter getroffen – jetzt ist es wieder grimmig kalt! –
In Brüssel habe ich an Herrn und Frau Kufferath liebe Freunde gewonnen, wir haben uns sehr aneinander angeschlossen, und so schied ich, was ich nimmer für möglich gehalten, mit vielen Thränen von Brüssel. Mit H. K. habe ich täglich Stunden lang musicirt, und das waren meine schönsten Stunden auf der ganzen Reise. Der Mann giebt seit 16 Jahren täglich 7–10 Stunden, dabei hat er sich aber die wärmste Begeisterung für die Kunst und eine merkwürdige Frische erhalten. Sie können denken mit welcher Freude ich Ihm Alles spielte, was er nur hören wollte, und wie oede es mir jetzt hier vorkommt, wo auch kein einziger Mensch ist, mit Dem ich musiciren möchte. Frl. Leser geht es sehr schlecht. Die Augen sind in Folge einer neuen Grippe in einem schrecklichen Zustande – täglich spricht sie davon, wenn sich doch nur der Himmel ihrer erbarmte, und sie erlöste! es ist so traurig, daß man gar nichts thuen kann. Bendemanns sind wohl, er jetzt in Berlin. An Junge lege ich ein paar Zeilen bei – bitte, adressieren Sie sie und senden sie Ihm per Post. Vieles Andere, liebste Elisabeth, mit Gott bald mündlich. Ich will auch weiter nichts jetzt fragen, ich höre ja dann Alles von Ihnen. Dem lieben Felix einen Kuß für seinen hübschen Brief – Eugenie muß sich Solchen erst verdienen durch einen anderen Brief.
Marie und Frl. Leser grüßen. Woldemar spielt heute sein Trio hier öffentlich in einer Quartett-Soiree. Ihrer lieben Schwester herzlichste Grüße, Sie umarmend verbleibe ich
Ihre getreue Cl. Sch.

  Absender: Schumann, Clara, geb Wieck, Clara (3179)
  Absendeort: Düsseldorf
  Empfänger: Werner, Elisabeth (1691)
  Empfangsort:
  Schumann-Briefedition: Serie: II / Band: 18
Briefwechsel Clara Schumanns mit Korrespondenten in Berlin 1856 bis 1896 / Editionsleitung: Thomas Synofzik, Michael Heinemann / Herausgeber: Klaus Martin Kopitz, Eva Katharina Klein und Thomas Synofzik / Köln: Verlag Dohr / Erschienen: 2015
ISBN: 978-3-86846-055-1
642-645
 



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