19.12.2019

Briefe



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ID: 21775 Brieftext


Geschrieben am: Freitag 02.02.1894
 

Frankfurt a/M d. 2 Febr. 1894.
Liebe Mathilde,
lange hörten wir nicht voneinander, es war aber auch furchtbar, was ich zu schreiben hatte. Und nun hat sich doch so viel angesammelt, daß ich gar nicht weiß wo anfangen. Ich muß wohl Vieles aufspeichern bis zum Sommer. Da will ich Ihnen denn aber gleich erzählen, daß wir in Unterhandlung mit dem Besitzer des Châlet, vis-a-vis Ober sind, und sehr hoffen, es gelingt uns einig zu werden. Ich hätte wohl am liebsten wieder meine alte Wohnstube u. Balcon gehabt, aber die Schattenseiten sind bei Ober, speciell für uns, zu groß (d. h. besonders für Eugenie). Diese war zu Weihnachten 3 Wochen bei uns, ist jetzt schon wieder eingelebt in London. Sie war recht munter, und war uns, wie immer, wieder viel – wir vermissen sie schmerzlich, und ich brauche immer lange Zeit, bis ich mich wieder gewöhnt habe, ohne sie zu sein, freilich stets nur in der Hoffnung auf das nächste Wiedersehen! –
Für Ihren lieben letzten Brief herzlichsten Dank auch der liebe [sic] Malwine für ihre Karte. Indeß haben wir nun auch die Duse gesehen, und geschwärmt! ja, sie ist eine außerordentliche Künstlerin, nur gab sie nicht eine classische Rolle – ich sah sie in dem elenden Stücke, die Cameliendame, und konnte Tage lang das Sterbezimmer nicht aus den Gedanken bringen, sah immer das Bett in dem düster beleuchteten Zimmer, sie darin schlafen, und hörte dazu das unheimliche Dröhnen in meinem Kopfe, das immer andauert! sie spielte aber die Sterbende so wundervoll zart, einfach, durch nichts verletzend, daß ich sie bewundern mußte. Marie8 sah sie noch ein Mal, und war ganz entzückt. Zu gleicher Zeit mit ihr hatten wir auch Joachim hier, und ich die große Freude einen Abend bei mir mit ihm zu musiciren. Wir spielten Brahms’ 3te Sonate, in der ich wahrhaft schwelgte, ganz vergaß, daß ich auf der Erde. Ich fühlte kein Leid, nur Wonne! –
Außerdem spielte mir Joachim mit seinem Quartett Roberts 2tes Quartett, das ich, im Zimmer zum großen Theil genießen konnte. Ich hatte den Abend eine Woche lang sehr zu büßen, aber, gern litt ich die vermehrten Schmerzen.
Jetzt geht’s wieder besser. Es scheint, daß die Massage günstig auf den Nervenschmerz wirkt, und, noch hoffe ich, es geht ganz fort.
Ihre guten Nachrichten von den Ihrigen haben mich sehr gefreut. Welch ein Segen, daß Ihrem Bruder die Tochter wieder genesen, die ihm nun so viel ist! – Ach, gäbe es nur nicht so viel Leid in der Welt, das Leben wäre doch viel schöner! die armen Stockhausen [sic] haben furchtbar viel durchgemacht diesen Winter. Erst war sie recht krank, dann mußte Er zu einer Voroperation seiner Staarkrankheit in die Augenklinik, währenddem hatte die Tochter Gretchen das Unglück sich an einem verrosteten Nagel (am 3ten Finger der rechten Hand) zu verwunden, so daß sie schon den Tag darauf in die Klinik mußte. (Sie lebte in Freiburg als Directrise in einer Glasmalerei-Schule.) Nach etwa 2 Monaten heilte endlich der Finger (es war Blutvergiftung dazu gekommen) und sie kam hierher zum Besuch, konnte aber den Finger, noch überhaupt die Hand, nicht bewegen, und die Aerzte stimmten darin überein, daß sie nie wieder arbeiten könne, wenn sie sich den Finger nicht abnehmen lasse. Sie reiste sofort n. Freiburg zurück, und ließ sich heldenmüthig den Finger abnehmen. Währenddeß verlobte sich der Imanuel in Berlin mit Frl. Sauer (kennen Sie Diese?) und wollte sie am 28 Jan. schon heirathen. Die Eltern waren so tief gebeugt über Gretchen und sollten an eine Hochzeit denken! Dazu lagen die Verhältnisse sehr ungünstig. Unterdeß sie nun wieder mit dem Sohn kämpften, wurde Gretchen’s Hand wieder schlimmer, es kam wieder Eiterung, und plötzlich hatte sie Dyphteritis, woran sie vor 8 Tagen starb, gerade an dem Tage, wo Imanuel sich verheirathen wollte, begraben wurde. Die Eltern waren natürlich hingereist, der arme Stockh. (der besonders an der Tochter hing) halb blind! Ende d. Monats muß er die Haupt-Operation seiner Augen vornehmen lassen. Der Immanuel kam her um ihnen zu sagen, daß er sich entlobt habe, die Braut sey so kalt gewesen. (Sie soll aber sehr schön sein!?) –
Ueber diese Sache nun beschäftigt uns noch die Ehescheidungsangelegenheit der jungen Frau Scholz geb. Gude, die unaussprechlich unter der Gemeinheit des Mannes leidet – ich erzähle Ihnen dies ’mal später.
Gott sey Dank, wenn man dann sich an’s Clavier rettet, und durch Gott-Begnadete wie auf einen Zauberschlag in eine andere Welt versetzt wird! –
Das empfinde ich oft!
Viel habe ich geschrieben, meine Hand spürt es, aber mein Herz ist erleichtert – ich fühlte mich schuldig Ihnen gegenüber für so viel Liebes, was Sie mir im letzten Brief gesagt.
Mit herzlichen Grüßen an Sie Beide Ihre
getreue
Clara Schumann

Marie grüßt freundlichst.

[Umschlag]
Fraeulein
Mathilde Wendt.
Berlin.
173 alte Jacob-
Straße.
III

  Absender: Schumann, Clara, geb Wieck, Clara (3179)
  Absendeort: Frankfurt am Main
  Empfänger: Wendt, Mathilde (1688)
  Empfangsort:
  Schumann-Briefedition: Serie: II / Band: 14
Briefwechsel Clara Schumanns mit Mathilde Wendt und Malwine Jungius sowie Gustav Wendt / Editionsleitung: Thomas Synofzik, Michael Heinemann / Herausgeber: Annegret Rosenmüller / Köln: Verlag Dohr / Erschienen: 2011
ISBN: 978-3-86846-025-4
320-323
 



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