19.12.2019

Briefe



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ID: 2550 Brieftext


Geschrieben am: Samstag 25.01.1851
 

Hochgeehrter Herr,

Die Unterzeichneten beehren sich hierdurch Sie zu benachrichtigen, daß zu der Versammlung der Bachgesellschaft am 15. Decbr. v. J., zu welcher sie die Mitglieder eingeladen hatten, zwar keiner der auswärtigen Herren Theilnehmer sich eingefunden hatte, aber schriftliche Erklärungen der Uebereinstimmung mit den Statuten und Wahlzettel eingegangen waren
von den Herren
Dr Baumgart in Breslau,
Prof. Fischhof in Wien,
Dr Hilgenfeldt in Hamburg,
Prof. Marx in Berlin,
Musikdir. Mosewius in Breslau,
Regierrungsrath [sic] Schede in Marienwerder,
Dr Schumann in Düsseldorf,
Capellmeister Spohr in Cassel,
Geh. Rath v. Winterfeld in Berlin.
Anwesend waren die Herren
Organist Becker,
Breitkopf & Härtel,
Concertmeister David,
Musikdir. Hauptmann,
Prof. Jahn,
Prof. Moscheles,
Capellmeister Rietz.
In das Direktorium wurden gewählt die Herren
Organist Becker mit 15 Stimmen
Musikdir. Hauptmann mit 14 Stimmen
Breitkopf & Härtel mit 13 St.
Prof. Jahn mit 11 St.
Prof. Moscheles mit 10 St.
Von ihnen wurden sodann Musikdir. Hauptmann zum Vorsitzenden, Prof. Jahn zum Schriftführer, Breitkopf & Härtel zum Cassirer gewählt. Da der Entwurf des Statuts in allen wesentlichen Punkten Zustimmung gefunden hatte, so ist derselbe nach einer nochmaligen Durchsicht als definitiv gedruckt worden und folgt hierbei.
Die Zahl der Subscribenten, welche bis jetzt 250 überschritten hat und offenbar im Zunehmen begriffen ist, macht den Beginn der Herausgabe der ersten Lieferung der Bachschen Werke im Laufe des Jahres möglich. Um mit einem bedeutenden Werke die Sammlung würdig zu eröffnen, hat die Direktion ihre Aufmerksamkeit auf die H moll-Messe gerichtet, welche zwar gedruckt ist, allein in einer Weise, daß sehr Wenige im Besitz der vollständigen Partitur sind, die jetzt gar nicht zu erlangen und überdieß ungenau und unzuverlässig ist. Das erste Bestreben der Direktion mußte demnach auf die Beschaffung des Materials für eine kritische Redaktion gerichtet sein, welche letztere Herr Musikdir. Hauptmann übernommen hat. In der Bibliothek Sr Maj. des Königs in Dresden, fand sich leider die Original-Partitur nicht mehr vor, sondern nur die jedenfalls gleichzeitigen Stimmen des Kyrie und Gloria. Aus diesen hat Herr Musikdir. Kade die Partitur mit großer Sorgfalt zusammengestellt, welche wesentliche Abweichungen von der gedruckten ergiebt; auch hat derselbe versprochen, neue Forschungen nach der Originalpartitur anzustellen. Durch die gütigen Mittheilungen des Herrn Prof. S. W. Dehn sind wir über die in Berlin vorhandenen Materialien genau unterrichtet. Die Königl. Bibliothek besitzt die Partitur des Sanctus in Bachs Handschrift, die vollständige Partitur von der Hand eines alten Dresdner Copisten und von Pölchau’s Hand; die Bibliothek des Joachimthalschen Gymnasiums eine Abschrift von Kirnbergers Hand.18 Gegen diese wichtigen Abschriften steht die im Besitz der Singakademie befindliche, wie es scheint, zurück. Es sind bereits die Einleitungen getroffen, um diese Materialien für die zu veranstaltende Ausgabe vollständig auszubeuten. Nichts destoweniger richten wir an alle Theilnehmer unseres Unternehmens die dringende Bitte, durch baldmöglichsten Nachweis wo möglich von Originalhandschriften einzelner Theile der H moll-Messe oder auch vorzüglich gut beglaubigter Abschriften, und Vermittlung des Gebrauchs derselben die Herausgabe derselben zu fördern. Wir sind durch Herrn Prof. Dehn davon benachrichtigt, daß bei den Erben des Grafen Sporck in Böhmen, welcher mit Bach in Verbindung stand, auch für die H moll-Messe vielleicht Authographe zu finden sein dürften. Nähere Nachrichten über die Sammlungen desselben und die Möglichkeit zur Benutzung derselben zu gelangen, würden uns zu besonderem Dank verpflichten. Schließlich dürfen wir den geehrten Mitgliedern der Bachgesellschaft gewiß nicht von Neuem ans Herz legen, für die weitere Ausdehnung der selben Sorge zu tragen. Das Ergebniß der Subscription ist an verschiedenen Orten so ungleich ausgefallen, daß es nicht zu verkennen ist, von welchem Einfluß darauf die unmittelbar eingreifende Thätigkeit Einzelner ist. Namentlich würde es gewiß von nicht geringem Erfolg sein, wenn an den geeigneten Orten durch die Presse unser Unternehmen seiner Bedeutung nach bekannt gemacht würde, zumal jetzt, wo die Ausführung sicher gestellt ist und bestimmte Resultate in Aussicht gestellt werden können.

Leipzig, d. 25 Januar 1851.

Das Direktorium der Bachgesellschaft
CF Becker. M Hauptmann. I. Moscheles
Otto Jahn. Breitkopf u Härtel

[BV-E, Nr. 4104a:] Bachgesellschaft [Versand:] d. G. [beantwortet:] +

  Absender: Bachgesellschaft, Direktorium (126)
  Absender-Institution: Bachgesellschaft
  Absendeort: Leipzig
  Empfänger: Schumann, Robert (1455)
  Empfangsort:
  Schumann-Briefedition: Serie: II / Band: 20
Briefwechsel Robert und Clara Schumanns mit Korrespondenten in Leipzig 1830 bis 1894 / Editionsleitung: Thomas Synofzik und Michael Heinemann / Herausgeber: Annegret Rosenmüller und Ekaterina Smyka / Dohr / Erschienen: 2019
ISBN: 978-3-86846-030-8
479-482
 



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